Antigone
- Dramaturgie -

Dramaturgie

Literar. Kontext

Deutungsansätze

Antike Tragödie

Dramentheorie

„Den Tod niemand zwingen kunnt!“  Der Tod – als der schlechthin Unbezwingbare. Das ist er zunächst auch, machen wir uns nichts vor!

Er ist es gerade dort, wo wir in süchtiger Lebensgier gehetzt vor ihm davonlaufen – und damit auch das ganze uns bleibende Leben in tödliche Gefahr bringen. „Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren.“

Menschliches Scheitern und Hoffen

        Viel Grausames gibt es. 
Am grausamsten ist der Mensch.
Gern tötet er seinesgleichen,
quält ihn – und plündert ihn aus.
Im Erfinden von Todesarten 
ist seine Kunst unerhört.
Nimmermüd denkt er sich
Fallen und Martern aus.

Viel Elend gibt es.
Am elendsten ist der Mensch.
Verlassen
mit Tod endet er
Und weiß kein Mittel.
Aber gegen andere
macht er den Tod
zu seinem Verbündeten.

        Schwer zu belehren ist der Mensch
und arm an Hoffnung.
Vielleicht
Dass er durch viele
Schläge und Leid,
von Menschen dem Menschen angetan
in ferner Zukunft
doch noch
E i n s i c h t
In seine Lage gewinnt.

   A llein schon die Schlussverse des Antigone-Dramas sind Vermächtnis, umspannen die gesamte Dimension menschlicher Existenz, künden von der Widersprüchlichkeit, ja dem Widersinn menschlichen Lebens und Strebens; sie entfachen gleichzeitig aber auch den Funken der Hoffnung, dass die Menschen aus der Geschichte lernen und sich zum Guten wenden: ein konstruktives Sozialverhalten entwickeln, Frieden stiften, dem Dasein endlich Sinn verleihen.

   Wer wollte diesen Versen widersprechen? Als hätten die Menschen nicht schon genug damit zu tun, den Tod, der sie durch Krankheit, Unglück und Katastrophen heimsucht, zu „zwingen“, machen sie ihn zu ihrem „Verbündeten“: Sie führen, sei es in ideologischer Verblendung, aus wirtschaftlichen Interessen  oder ignoranter Machtgier, leichtfertig und mit fadenscheinigen Begrün- dungen Krieg gegeneinander - und verstoßen doch nur gegen die Gesetze der Menschlichkeit.

   Angesichts dieser Wirklichkeitsbezüge erübrigt sich die Frage nach der Aktualität des antiken Dramas. Darüber, dass die Menschheit trotz (oder wegen?) des Fortschritts in jener Hinsicht kaum einen Schritt weitergekommen ist und wir nach vielen Experimenten (Sozialismus) auf der Stelle treten, bleibt dem Menschen nur Kopfschütteln - in einer Zeit, in der unser gesellschaftliches, kulturelles und politisches System es zum System gemacht hat, das Leben in seiner Ganzheit aus den Augen zu verlieren, nur noch die Perfektion zu tolerieren, Glück und Lebenssinn auf Konsum, Spaß, Jugend und Gegenwart zu reduzieren, den Tod als störenden Faktor wegzutabuisieren, ihn höchstens mediengerecht zu neutralisieren, zu verfälschen. In der „Antigone“ jedenfalls ist er präsent.

   Das antike Theater ist hochpolitisch: Nicht nur dass es durch die beabsichtigte ‚kathartische’ (reinigende) Wirkung, hervorgerufen durch das Miterleben des  tragischen Scheiterns des Helden, die Menschen im Sinne eines Ausgleichs extremer Gefühle und Triebe läutern und damit für das Funktionieren des demokratischen Gemeinwesens, der Polis, geeigneter machen will, sondern es thematisiert auch zeitlos gültige Grundkonflikte des Lebens. Dies verleiht dem Werk jenen verdichtenden, symbolhaften Charakter, den hohen Abstraktionsgrad, dem eine Inszenierung gerecht werden muss.

  Als Gegensätze treten hervor die religiöse Grundlage des Staates und die Staatsgewalt im Sinne der sophistischen Machttheorie, die sich über die ungeschriebenen Gesetze erhaben glaubt.
Sie spitzen sich durch die Charaktere der Antagonisten zu:
Kreon sieht in dem Vorfall nur eine Probe auf seine Autorität und verliert in seinem Verantwortungsgefühl für den Staat jedes Maß (Hybris). Antigone verteidigt Naturrecht gegen politische Willkür. Sieht man in Kreon den Vertreter einer auf Vernunft gründenden neuen Ordnung, so symbolisiert Antigone „die Unaufhebbarkeit individualer Triebnatur gegen ihre Unterwerfung durch den gesellschaftlichen Fortschritt, dessen letztliches Misslingen in der Gewalt deutlich wird, die er zu seiner Bewahrung braucht“ (Rohdich). Mit ihrem Widerstand stellt sich Antigone als Einzelne, als Individuum auch gegen die Loyalität der Gemeinschaft der Bürger (Chor), deren taktisches Verhalten, opportunistisch, aufhetzend, spaltend, deutend, dramatische Akzente setzt.

  Antigone ist weder subjektiv, noch objektiv schuldig, was Voraus- setzung für das Tragische ist, aber auch sie trägt mit ihrer Unerbitt- lichkeit einen Teil jener unheilvollen Hybris in sich. Sie stößt gar ihre Schwester Ismene, die am Ende mitschuldig sein will, schroff zurück; sie provoziert, sie kokettiert mit ihrem Tod (zu Ismene: „Halt du dich aus meinem Tod heraus, es ist mein Tod!“).

   E s würde Sophokles’ Werk also nicht gerecht, wollte man es nur auf den gesellschaftlichen und politischen Konflikt zwischen Kreon und Antigone verengen. Es gestaltet auch den sehr persönlichen Konflikt zwischen Mann und Frau, Jugend und Alter. Letztlich fasziniert das antike Drama, hervorgegangen aus religiös-rituellen Festen, durch seine eigentümliche „asketisch schlanke“ Ästhetik und Stimmung, die sich aus der Spannung von Zerstörung und Aufbau, Schwäche und Stärke, Ausweglosigkeit und Hoffnung, Vergeblichkeit und Glaube speist: als Hintergrund und Folge menschlichen Fehlens und Scheiterns.
                                                                                           
            Berthold Blaes

Dramaturgie

Literar. Kontext

Deutungsansätze

Antike Tragödie

Dramentheorie

Sophokles/Antigone

Rollen

Kreon/Volk

Antigone/Ismene

Kreon/Antigone

Kreon/Haimon

Bürger

Chor

Inhalt

Autor

Dramaturgie

Presse