Antigone
- Die Presse -

Die Rheinpfalz, 10. März 2004

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SÜDPFALZKURIER, 10. März 2004

  Antigone nach Sophokles

Zur Aufführung der Theater-AG an der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern

 von  Eleonore Beinghaus

Die Theater AG an der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern hat sich im 20. Jahr unter der Leitung von Berthold Blaes des antiken Dramas „Antigone“ von Sophokles in einer modernen Bearbeitung angenom- men. „Menschliches Scheitern und Hoffen“, so überschreibt sie im Theaterhandzettel ihre Sicht auf das Werk. Ein Werk, das in seinem über zweitausendfünfhundertjährigem Bestehen Theatergeschichte ge- schrieben hat, stellt eine besondere Herausforderung für die schulische Aufführungspraxis dar.

 

Das ist Theater für Puristen: Eine Bühne, deren sparsame Requisiten an ein antikes Theater erinnern, ein zum theatron umhüllter Treppen- halbkreis, davor schlanke Säulen. Alles schwarz.

Damit der Zuschauer nicht zum Schwarzseher wird, sorgt ein weißer Horizont für den nötigen Kontrast. Doch geht ein Riss durch dieses Weiß, ein Riss, der den Raum auch hörbar durchklirrt, als die Aufführung mit wenigen Takten aus Pendereckis „Hiroshima“ sich eröffnet, um von den Schrecken des vorausgegan- genen thebanischen Krieges zu künden. Ängstlich, wiederum musikalisch unterlegt mit Klängen aus Purcells „King Arthur“, bahnen sich  die Bürger  nun ihren Weg durch das Publikum in die verlassene Stadt, die Bühne.

Die Bürger verkörpern in der hier zugrunde liegenden Bearbeitung den Chor, jenes Element der griechischen Tragödie, welches einerseits das Geschehen kommentiert, anderer- seits jedoch auch Stellung bezieht und mitunter sogar beratend oder appellierend eingreift. Ein Element, das, unterschätzt,  leicht die Wirkung eines lästigen Strukturelements annimmt. Aber gerade dieser Gefahr begegnet die Inszenierung einerseits mit einem klug durchdachten Sprach- wie auch mit einem leitmotivisch wirkenden Musikkonzept.

Die eingesetzten Musiken umspan- nen thematisch die Antipoden des Dramas. Insbesondere die unter dem Titel „Morimur“ bekannt gewordene Bearbeitung der Bachschen Oster- kantate „Christ lag in Todesbanden“ strukturiert den Dramenverlauf, um am Ende in der Choralfassung mit dem versöhnlichen Halleluja auszu- klingen.

Die Bürger sprechen eher selten unisono, statt dessen werden die Chorpartien auf verschiedene ein- zelne Bürger oder Bürgergruppen verteilt und gewinnen so an Dynamik. Dort, wo die Bürger als Chor beste- hen bleiben, sind diese in seine Facetten –  „opportunistisch, auf- hetzend, spaltend“ (vgl. Theater- zettel) – aufgefächert. Eine Sprech- haltung, die auf Rhythmus und Intonation auch einzelner Wörter abzielt und ein dazu vorangegan- genes wohl nicht zu unterschätzen- des Probenpensum, bescheren dem Zuschauer/Zuhörer dieses erfreuliche Chorerlebnis. Dass die Aufführung in sich stimmig ist, dafür sorgten nicht zuletzt auch die Solisten unter den Schauspielern.

Anders als in der Originalfassung, eröffnet Kreon (Nicholas Wood) in dieser Fassung zu Beginn mit seiner Thronrede die Bühne. Er umgarnt geschickt sein Volk, wirbt für sich, aber es bleibt kein Zweifel: Dieser Herrscher duldet keine „Widersetzlichen“. Nicholas Wood überzeugt in seiner Rolle, er setzt die Worte mal überheblich scharf, mal väterlich, jedoch immer kühl berechnend. Er durchschrei- tet sein Reich und schafft sich Raum, indem er die anderen von ihren Plätzen zurückdrängt. Selbst, als er dem Schicksal an- heim gefallen ist, ihm seine eige- nen Befehle zum Verhängnis werden, fällt es ihm schwer, sein Gebrochen sein gegenüber den Bürgern zu offenbaren. Er über- häuft sie bis zum Schluss mit Vorwürfen und muss dann doch untergehen. Hier freilich folgt er der modernen Textvorlage, die Kreons späte Besinnung weit weniger als Hoffnungsschimmer sieht.

Antigones (Lisa Vogel) Handeln ist von absoluter  Selbstgewissheit bestimmt. Bereits in ihrem ersten Auftritt, dem Gespräch mit ihrer Schwester Ismene (Angela Blaes) spielt Lisa Vogel die Unnachgiebi- ge, indem sie gekonnt die abwei- sende  Haltung gegenüber Ismene durch ihre Mimik und Ausdrucks- weise untermauert. Angesichts des Todes werden ihre Züge weicher, sie wirkt menschlicher, ohne jedoch ihre Autonomie preiszugeben.

Angela Blaes verleiht der Ismene jene Besonnenheit, die diese zwischen Kreon auf der einen und Antigone auf der anderen Seite positioniert.

Eric Sasse spielt einen jugendlich aufmüpfigen Haimon, dem man die Sorge um den Vater weniger ab- nimmt als die empörte Wut über dessen Willkürherrschaft; und Tobias Braun überzeugt als Wächter vor allem in den Textpas- sagen, die auf Komik angelegt sind.

Teiresias (Katharina Massow) warnt Kreon, ins grelle Licht gesetzt, von der Empore herab. Alle – bis auf Kreon – sind auch in den Chorszenen aktiv.

Insgesamt zeichnet sich die Inszenierung als Theater zum genauen Hinhören und Hinsehen aus, die von den Schülerinnen und Schülern auf hohem Niveau gemeistert wurde. So steht am Ende nicht nur jene Hoffnung auf  „Einsicht“, die den Menschen vor seinem Scheitern bewahren mag, sondern quasi durch dieses Spiel um die Widersprüchlichkeiten der menschlichen Existenz auch die: Diese junge Generation leistet durchaus anderes als gemeinhin in den Medien, in der sie in der Regel als „Null-Bock“- oder Fit for Fun-Generation daherkommt, verbreitet wird. Ein volles Haus und viel anhaltender Beifall dankten es ihr.

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Nicholas Wood

Rheinpfalz-Artikel zum Hauptdarsteller der “Antigone”-Aufführung
vom 04.März 2004

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Die Rheinpfalz, 28. Februar 2004:

Schülerzeitung “Das Ohr”, März 2004

“Antigone” von Sophokles

Zur Aufführung der Theater-AG der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern

 von  Florian Foos, MSS 11

 

Der Applaus des sichtlich beeindruckten Publikums rief die Schauspieler mehrfach auf die Bühne zurück. Das war der Abschluss eines rundum gelungenen, tiefgründigen Auftrittes der Theater AG des Gymnasiums Bad Bergzabern, die jetzt schon 20 Jahre von Berthold Blaes betreut wird.

Mit „Antigone“ hatte am Donnerstag, den 4. März, in der Aula des Gymnasiums ein Stück Premiere, das getrost als die „Mutter des klassischen Dramas“ bezeichnet werden kann.

Den Stoff, einst im 4. Jahrhundert vor Christus von Sophokles nach dem Mythos um König Ödipus verfasst, führte die Theater AG in einer modernisierten Fassung auf.

Dabei bleibt die Handlung gegenüber dem Original weitestgehend unverändert, der Schwerpunkt, besonders die Schuldfrage, zu der einst Hegel einen vielbeachteten Aufsatz verfasst hat, verlagert sich jedoch spürbar auf die Probleme der heutigen Zeit und der neueren Geschichte. Sie verlagert sich von der Frage: Was ist höher? Göttliche oder weltliche Macht? auf die Frage nach der Kollektivschuld und die Frage, inwieweit ein Volk selbst an den Handlungen seines Führers schuld ist.

Das Bühnenbild, schlicht in schwarz-weiß gehalten, das von einem Blitz in der Mitte zerrissen wird, wirkt zusammen mit der dynamischen, sakral inspirierten Musik unwirklich und bedrohlich, aber zugleich faszinierend - wie die Handlung selbst.

Gegen Kreons Gesetz beerdigt Antigone (Lisa Vogel), energisch und konzentriert auftretend, ihren, beim Versuch, seine rechtmäßige Herrschaft mit Waffengewalt zu erzwingen, gefallenen Bruder. Sie wird beobachtet, festgenommen und für ihre menschliche Tat zum Tode verurteilt. Kreon, routiniert überzeugend gespielt von Nicholas Wood, sieht sein Wort als das allein geltende an, hält sich selbst für unfehlbar, handelt nach der Devise „Ordnung im Staat muss vor Recht gehen“.

Seine Herrschaft wird von einem Kollektiv, den Bürgern, gestützt. Sie stehen hinter ihm, folgen seinen Befehlen, trauen sich nicht -  trotz offensichtlicher Ungerechtigkeit und obwohl teilweise Zweifel aufkommen - seine Herrschaft in Frage zu stellen.

Regisseur Berthold Blaes gelingt es, dieses Kollektiv, das von allen, ebenfalls alle in schwarz-weiß gekleideten Darstellern,  mit Ausnahme des Herrschers Kreon selbst, verkörpert wird, so überzeugend auftreten zu lassen, dass ein regelrechter Sog entsteht. Hier glänzen Katharina Massow, die auch den Seher Teiresias verkörpert, Maurice Acker, der als Bote das gute Gesamtbild vervollständigt, Julia Köller, Carina Thamerus, Julia Kattlun und Sara Haffner.

Nur Ismene, Antigones Schwester, hin und her gerissen zwischen Pflicht und Schwesterliebe, mitfühlend und facettenreich dargestellt von Angela Blaes, und Haimon, Kreons Sohn, mitreißend gespielt von Eric Sasse, wagen es gegen Ende aus dem Kollektiv auszubrechen und für Antigone Partei zu ergreifen.

Da sie das Volk aber nicht auf ihre Seite bringen können, ja im Gegenteil verspottet und gemieden werden, führen all ihre Mühen zu nichts, Haimon wird sogar beim Versuch, Antigone aus dem Felsengrab zu befreien, vom Wächter, dem gewohnt das Stück aufheiternden Tobias Braun, erschlagen.

Als Kreon schließlich selbst an seiner Tyrannei zerbricht und das gesamte System auseinander fällt, stehlen sich die Bürger aus der Verantwortung. „Ich war stets gegen ihn“ – „Ich auch“.

Im Moment - das ZDF zeigt eine Reihe über gescheiterte Hitler-Attentate und die ARD strahlt den Fernsehfilm „Stauffenberg“ aus - scheint das Gedenken an Menschen, die sich dem still geduldeten Terror eines verbrecherischen Regimes widersetzt haben, glücklicherweise wieder in den Vordergrund zu rücken.

All diese Sendungen beschränken sich aber auf das Vergangene, die Aufführung der Theater AG nicht.

Sie ist nicht nur unterhaltend, bringt den großen, zeitlosen Stoff brilliant auf die Bühne - nein - sie gibt den Zuschauern eine Botschaft mit auf den Nachhauseweg: eine Botschaft gegen das Wegsehen, für Zivilcourage; eine Botschaft, die ihren Teil dazu beitragen wird, damit das, was in Deutschland vor mehr als 50 Jahren geschehen ist, Vergangenheit bleibt.

K a i s e r s l a u t e r n                                      Die Rheinpfalz, 09. Juli 2004

Einiges Hochklassiges

Pfalztheater-Jugendreferent Axel Gade über die Schultheatertage

von  Anna Hahn

Einmal auf den Brettern stehen, die die Welt bedeuten, und ein Stück aufführen wie die Profis: Das ist sicher der Wunsch einer jeden Laienschauspielgruppe. Und so gibt das Pfalztheater seit über 20 Jahren Schultheatergruppen die Chance, ihre Arbeiten auf der Werkstattbühne vor "echtem" Publikum zu präsentieren. Schultheater-Arbeitsgemeinschaften aus Kaiserslautern, Worms und Bad Bergzabern waren bei den Schulthea- tertagen, die am Freitag mit einer gro- ßen Abschlussparty zu Ende gingen, diesmal vertreten.

Vom klassischen griechischen Drama bis zum zeitgemäßen Episodenstück zeigten die jungen Mimen ein breit gefächertes und anspruchsvolles Programm.

"Es war einiges Hochklassiges dabei", zog Axel Gade, Dramaturg und Jugendreferent, im RHEINPFALZ-Gespräch nachträglich eine positive Bilanz.

Den Anfang machte die Theater-AG des Gymnasiums in der Kooperati- ven Gesamtschule Bad Bergzabern mit "Antigone". "Eine gelungene Inszenierung mit einem beeindru- ckenden Hauptdarstellerpaar und zugleich einer hervorhebenswerten Gesamtleistung", so Gade im Rückblick. Man habe gemerkt, dass die Theatergruppe schon lange genug zusammenarbeite, um auch einen schweren Stoff wie die Tragödie von Sophokles zu meistern...

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