Leonce und Lena
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Die Zeit, 17.10.2013

200 Jahre Georg Büchner

Du bist ein starkes Echo                                                                                      von Elisabeth von Thadden

Georg Büchner war ein moderner Mensch, der mit allem, was er tat und schrieb, gegen die Starre, Entfremdung und Stummheit seiner Epoche kämpfte.                             

An jenem Wintertag vier Wochen vor seinem Tod, im Januar 1837, hat ihn zunächst nur eine üble Erkältung erwischt, er muss ins Bett. Am 20. Januar schreibt der 23-jährige Georg Büchner in seinem Zimmerchen in der Zürcher Steingasse, wo er seit ein paar Monaten neben anderen politischen Flüchtlingen aus Deutschland wohnt, an seine Geliebte in Straßburg: "Man hört hier keine Stimme; das Volk singt nicht." Lieder braucht er aber, die sind seine Verbindung zur Welt und zur Schöpfung. Also fragt er besorgt in die Ferne: "Und gelt, du singst die Lieder?"

Das ließe sich heute leicht missverstehen, als Rührseligkeit, aber dieser Mann ist kein Sentimentaler, sondern einer, der Geist, Liebe und Schädelnerven gleichermaßen in ironischen Spiritus tränkt. Kurz zuvor hatte er der Geliebten geschrieben: "Ich sehe dich immer so halb durch zwischen Fischschwänzen, Froschzehen usw. Ist das nicht rührender als die Geschichte von Abälard, wie sich ihm Héloise immer zwischen die Lippen und das Gebet drängt? O, ich werde jeden Tag poetischer, alle meine Gedanken schwimmen in Spiritus." Tagsüber präpariert der Wissenschaftler Büchner, der erst vor ein paar Wochen seine Probevorlesung Über Schädelnerven gehalten hat, für sein Kolleg in der vergleichenden Anatomie lauter Fisch- und Amphibiennerven.

Wer war Georg Büchner? Man weiß nur Lückenhaftes über ihn. Ein Aktivist für Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenrechte, steckbrieflich gesucht, ein begnadetes Multitalent, Dichter, Mediziner, Naturwissenschaftler, Briefschreiber, bibelfest. Zu viele Spuren des Rastlosen sind vernichtet, zensiert, verloren. In Darmstadt steht in einem Hinterhof an den Resten der Gartenmauer des längst verschwundenen Elternhauses zu lesen, hier habe 1835 eine Leiter gelehnt, um dem Dichter des Danton die Flucht zu ermöglichen. Man hat seither alle Spuren gesucht. Nach 30 Jahren wissenschaftlicher Kärrnerarbeit ist nun die Marburger Asugabeabgeschlossen, die Büchners übersichtliches Werk in eine 18-bändige Foliantenausgabe mit Tausenden Seiten verwandelt hat, und in Darmstadt öffnet eine beachtliche Jubiläumsausstellung mit einem 600 Seiten dicken kunstvollen Katalog, beide stellen einen Büchner für alle Sinne dar: sehen, hören, spüren. Sie machen den kaum Auffindbaren mit aller denkbaren Sorgfalt in Gegenständen, Klängen, Bildern erkennbar. Ein bürgerlicher Familientisch, eine Guillotine, ein Seziertisch, das Straßburger Münster, ein Blutmessias, politische Karikaturen, eine Haarlocke, die echte, die einzige.

Büchner kannte das Gefühl gut, bei lebendigem Leibe gestorben zu sein

Und doch ist beim Lesen der Büchnerschen Texte der Klang des Werks am besten zu hören. Dieser Büchner, der so dringend Lieder brauchte, die das Verstummen der Welt übertönen, ist im Jahr 2013, im Herbst der erschöpften Spätmoderne, auf neue Weise der Erinnerung wert. Er antizipiert jene Gejagtheit, mit der viele in einer fast undurchdringlichen Wirklichkeit heute nach Handlungsmöglichkeiten, nach der Erfahrung von Selbstwirksamkeit, nach einem anerkennenden Echo auf ihre Existenz suchen. Dieser blutjunge Mann, der in nur vier Jahren, die ihm für sein Werk bis zu seinem Tod blieben, gegen die Starre seiner Epoche kämpfte, ist ein moderner Mensch, aber diese Moderne mit ihren präparierten Nerven in Ethanol singt ihm kaum Lieder.

Dass die äußere lebendige Welt mit ihren Klängen einen Menschen sogar aus einer totenähnlichen Starre befreien kann, wusste Georg Büchner gut, er hatte das als Medizinstudent im reaktionären Gießen im Frühjahr 1834 am eigenen Leibe durchexerziert. Da schrieb er derselben Liebe, der drei Jahre älteren Minna Jaegle: "Ein einzelner forthallender Ton aus Tausend Lerchenkehlen schlägt durch die brütende Sommerluft, ein schweres Gewölk wandert über die Erde, der tiefbrausende Wind klingt wie ein melodischer Schritt ... Die Frühlingsluft löste mich aus meinem Starrkrampf ... Das Gefühl des Gestorbenseins war immer über mir."

Diese Erfahrung der todesähnlichen Entfremdung vom eigenen Selbst und von der Welt war mehr als die Einsamkeit eines Verliebten und politisch verzweifelten Radikaldemokraten im engen hessischen Lahntal. Sie ist die Signatur des Büchnerschen Werks. Das Gefühl des Gestorbenseins teilte Büchner mit den Figuren, die er erfand, als seien sie alle vertraute Geschwister. Aus einer ähnlichen Starre hat ein Gesang menschlicher Stimmen den armen Dichter Lenz in Büchners gleichnamiger Novelle Lenz befreit, an der er 1835 arbeitete: "... die Menschenstimmen begegneten sich im reinen hellen Klang ... der Gesang verhallte ..., unter den Tönen hatte sein Starrkrampf sich ganz gelegt." Eine totenähnliche Stille hatte auch von Anbeginn im fragmentarischen Menschenversuchs-Drama Woyzeck, das 1836 entstand, den heillosen Ton angegeben: "Still, Alles still, als wär die Welt todt." Und dass Büchners Drama Dantons Tod auf der Bühne einen in Langeweile abgestorbenen Revolutionär Danton zeigt, wie tot, noch ehe sein Kopf unter der Guillotine fällt, passt trefflich zu Büchners Urteil über seine Epoche, das er 1836 notiert: Man müsse die "abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen ... Sie mag aussterben, das ist das einzig neue, was sie noch erleben kann." Abgelebt, aussterben: Dabei ist die Moderne mit ihrer Hoffnung, dass das Neue besser sei als das Alte, ganz jung! Ihre Enthusiasten laufen sich noch warm, während der Revolutionär Büchner polizeilich gesucht wird.

Das Verstummen der Welt, die doch eine singende Schöpfung sein kann, und die Totenstille, obwohl die Seele ein Echo braucht, das ihm Ruhe gäbe: Sein kurzes, fiebriges Leben lang hat Georg Büchner gefragt, ob die moderne Welt wirklich so gespenstisch fremd sein muss, wie es in einem Märchen im Woyzeck die Großmutter über ein Kind erzählt: "Alles tot ... Und weil auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehen, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verreckt Sonnenblum ... und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen und war ganz allein". Hier ist der Kosmos sich selbst fremd geworden. Im Drama wird Woyzeck am Ende zum Mörder, aber er ersticht nicht seine Peiniger, die ihn zu Forschungszwecken monatelang Erbsen fressen lassen, sondern er ersticht die geliebte Mutter seines Kindes, die Lieder singt und im Evangelium liest. So falsch kann die Welt sein.

Büchner erleidet diese Moderne nicht nur, er arbeitet an Gegenmitteln für eine Neuerschaffung der Welt, in der die Schöpfung besser erkennbar wäre: Das wäre zuerst jene politische Gerechtigkeit, die jeden aus Elend und Rechtlosigkeit führen würde, im Namen der Menschenrechte; dann die Kunst, die der erbärmlichen Wirklichkeit nicht auswiche; eine Wissenschaft, die an der Natur zeigen würde, dass diese sich selbst genügt und keine Zwecke verfolgt; überhaupt und überall die Liebe, die Lieder, die Natur, weil sie den modernen Subjekten jene irreduzible Lebendigkeit zusichern, von der die Hure Marion in Dantons Tod erzählt: "Ich bin sehr reizbar und hänge mit Allem um mich nur durch eine Empfindung zusammen."

In der abgelebten Moderne kann Büchner eine leidende und liebende Welt erkennen, weil er sich auf die Wirksamkeit zweier grundverschiedener M¥chte verlässt: auf das Erbarmen, im Namen Christi, und auf jene Ironie, die alles in Spiritus tränkt, was gerade noch, ach, so ideal war. Empathie und Distanz, abwechselnd, öffnen den Menschen für den Klang, für das Leid, für das Versprechen der Welt. Was dem Dichter Lenz nicht gelang, hat Büchner in Kunst verwandelt: Wenn der Starrkrampf der Entfremdung sich löst, erst dann wachen der Schmerz und die Sehnsucht auf, und erst wenn sie spürbar werden, können Empathie und Ironie die Regie im Verhältnis zur Welt übernehmen.

Büchner meint, das müssten sie auch: Denn die Moderne hatte anderes versprochen als Starre. Ihre Versprechen waren ja nicht nur dank der Französischen Revolution die politische Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewesen; auch Selbstbestimmung und Autonomie hatte sie mit der amerikanischen Revolution und der europäischen Aufklärungsphilosophie jedem modernen Individuum in Aussicht gestellt, von Liebe und Glück zu schweigen. Der Idealismus in Deutschland hatte an den Idealen kräftig mitgefeilt. All das sollte versprochen, erk¥mpft worden sein – und in der deutschen Kleinstaaterei mit ihren Folter- und Spitzelmethoden enden?

Ein Skandal.

Dieser Skandal trieb Büchners Leben an, auf unfassbar fruchtbare Weise. Und er war Georg Büchner buchstäblich in die Wiege gelegt. Als er als Ältester von sechs Geschwistern am 17. Oktober 1813 geboren wurde, ein Sonntagskind, wurde in der V¥lkerschlacht von Leipzig gerade eine Feuerpause eingelegt – gerade so, als sollten sich im hessischen Dorf Goddelau die Eltern von Büchner noch kurz überlegen können, wer denn nun siegen solle: ob im Sinne der Mutter Caroline die Koalition gegen Napoleon, um der Befreiung von der Fremdherrschaft willen; oder ob im Sinne des Vaters Ernst, der als Militärarzt in Napoleons Armee gedient hatte, doch lieber der Franzose, denn sonst würde in Europa die konservative Allianz der alten Großmächte Regie führen. Napoleon verlor. Das politische Deutschland blieb für Büchner zeitlebens reaktionär, also musste er die Freiheit anderswo finden: in der Medizin, in der Forschung, in der Kunst, in der Liebe – und in einem schöpfungsgewissen Christentum, an das man nicht den Glauben verlieren müsste, wie es dem Alter Ego Lenz geschah, der im schwarzen Nichts der Gleichgültigkeit endete.

Der Vater hat eine junge Depressive beim Stecknadelschlucken beobachtet

Empathie und Distanz: Der Vater nahm den Sohn mit zu den Obduktionen. Für den modernen Arzt konnten bedürftige Menschen leicht zu interessanten Objekten werden, das zeigt Ernst Büchners Aufsatz Versuchter Selbstmord durch Verschlucken von Stecknadeln, für den er eine junge Depressive beim Stecknadelschlucken präzise beobachtet hatte. Das Skalpell führte den jungen Georg am Seziertisch in die wissenschaftliche Moderne ein, während die Mutter, eine fromme Protestantin, ihm ihre Liebe zur Literatur des Idealismus, zur Bibel, zur Natur nahebrachte und ihn in Empfindsamkeit schulte. Die Frauenfiguren sind in Büchners Werk die utopischen, auch weil ihre warmen Körper so begehrenswert sind. Gern viele, gern auch käufliche, für ein Echospiel aller Wünsche, das im Körper des anderen Menschen zugleich den Kosmos spürbar macht: "Ich möchte ein Teil des Äthers sein", sagt Danton zur Hure Marion, "um dich in meiner Flut zu baden, um mich in jeder Welle deines schönen Leibes zu brechen."

Es ist nicht aus der Welt, ein Echo zu finden. Als Georg Büchner eine Weihnachtsmesse im Straßburger Münster erlebt hatte, schrieb er Anfang Januar 1833 an die Eltern: "Der Gesang des unsichtbaren Chores schien über dem Chor und dem Altar zu schweben und den vollen Tönen der gewaltigen Orgel zu antworten." Auf eine vernehmbare Antwort, meinte Büchner, wartet ein moderner Mensch zu Recht. "Du bist ein starkes Echo", sagt der sterbensmüde Danton zu seinem Freund Camille, von dem es heißt, dass er das "Erbarmen" kannte. Dass die Welt – ob den Erschöpften, den Ironikern oder den Mitleidigen – ein Echo geben möge: Nichts an dieser Idee ist verbraucht.

Büchner / Leonce

Die Rollen

Automaten/Intro

Leonce

Valerio

Lena

Gouvernante

Rosetta

König Peter

Der Hofstaat

Die Polizisten

Leonce & Lena

Automaten/Ende

Ensemble

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Presse