Büchner: Leonce & Lena
- Deutungsansätze -

Büchner / Leonce

Die Rollen

Automaten/Intro

Leonce

Valerio

Lena

Gouvernante

Rosetta

König Peter

Der Hofstaat

Die Polizisten

Leonce & Lena

Automaten/Ende

Ensemble

Der Autor

Der Inhalt

Dramaturgie

Presse

Deutungsansätze

Das Werk auf der Bühne

FAZ. 02.05.2003

Theater Frackhüpfen in der Puppenkiste                 Von Gerhard Stadelmaier

Der Fluch der Lieder: Bob Wilson und Herbert Grönemeyer fabrizieren "Leonce und Lena" im Berliner Ensemble. Büchners Stück wird von aller Trauer befreit. Aber von aller Lust auch. Sozusagen frohgemut klinisch tot.

Es waren zwei Königskinder. Die hatten einander nicht lieb. Und kriegen sich am Ende doch. Das ist das ganze Drama "Leonce und Lena" aus dem Jahre 1836. Ein Lustspiel. Meist stürzt es das Theater in rasende Depression. Zum Beispiel wurde Prinzessin Lena vom Reiche Pipi mit der Schleppe ihres Brautkleids gewürgt. Prinz Leonce aus dem Reiche Popo wurde in Bochum schon mal erschossen, in Leipzig ersoff er zusammen mit Lena schier im Sabber, der ihnen aus ihren Spastikermäulern troff, und in Hamburg wurden sie zu Gitarrenbegleitung in Pop-Kürbisse verwandelt.

Töne wie Diamanten

Daß zwei junge Leute, die sich nicht kennen, den Heiratsbefehl der herrschenden Alten in den Wind pusten, über alle Grenzen fliehen, im Grenzenlosen sich treffen, sich verlieben, ohne daß der eine vom anderen weiß, wer er ist, und dann vorm Traualtar erst ("O Zufall! O Vorsehung!") sich erkennen, sehr zur Gaudi der Alten - das bringt die Regie gerne um jeden szenischen Verstand. Georg Büchner, der dichtende Anatom, legt lächelnd Nerven bloß, die er mit spitzen Fingern flirrend anzupft, als gehörten sie zu einer sanftbitter verstimmten romantischen Laute.

Die Theater aber trampeln auf diesen zarten Nerven meist unzart herum. Büchners schöne Sarkasmus-Sprachmusik, in der Töne wie Diamanten fein ins Seelenfleisch schneiden können, wird zum Wehgeschrei, Pflichtgeheul mit den Jungwölfen. "Leonce und Lena" - eine Qualpartie des Stadttheaters.

Insofern ist es schon eine Erholung, wenn jetzt im Berliner Ensemble, einem der erfolgreichsten deutschen Stadttheater mit weit mehr als achtzig Prozent Platzausnutzung, wenn also jetzt in der deutschen Hauptstadtprovinz zum Schubidubidu-Synkopen-Swing aus dem Orchestergraben komische künstliche Leute vor dem geschlossenen Vorhang über die Bühne jagen in unaufhörlicher Hatz.

In gigantischen Lederfräcken, mit Frisuren, die ihnen die Haare spitz zu Berge steigen lassen, mit langen Nasen, grell geschminkten Gesichtern, langen, fließenden Biedermeierkleidern. Als seien es gerade aus einem Puppenkistengrab entstiegene reizende hölzerne Untote, Kasperle-Gespenster. Der Hofstaat des Reiches Popo spielt Frackhüpfen wie im Schwips, als hätten alle in der Puppenkistenkantine noch schnell vorher einen Likör gekippt.

"Leonce und Lena" - eine Operette.

Jede Operette ist mit der Welt einverstanden, außer daß sie die Welt gern schöner hätte, als sie ist. Die Musik zu dieser "Leonce-und-Lena"-Operette stammt von Herbert Grönemeyer, der in seinen Rock- und Pop-Liedern und -Balladen gerne auf jedes Weltweh ein Quartseptakkord-Pflästerchen klebt (zum Beispiel "Vergiß deine Schuld, dein Vakuum" oder "Lieben wir uns gleich hier" in seinem neuen Album "Mensch").

Büchner-Muzak

Grönemeyer ist der Weltschmerz-Plüschhase mit dem sensibel feuchten Witterungsschnäuzchen fürs Vademecum der rechten Medizin. Seine siebenköpfige Band für den Abend nennt sich "Büchners Erben". Aber das Fähnlein der sieben Lärmechten tut, vom Klavier und Akkordeon über die Viola bis hin zu Banjo, Cello und Baß, alles, damit es keine Erbschaftssteuer zahlen muß.

Denn wenn der Vorhang aufgeht, sieht man neben einem hohen reichskanzleiartig grauen Gemäuer ein großes helles Lichtviereck. Vor diesem steht im grandiosen Lederknitterfrack ein junger, eleganter, etwas teufelsbärtchenhaft dandyhaft müder junger Herr mit beginnenden Geheimratsecken. Da er senkrecht übers linke Auge eine große Narbe bis ins Hirn hinauf zu haben scheint, könnte man meinen, etwas habe ihn tief gespalten. Bis man dahinter kommt, daß der Hieb nur ein besonders interessanter Schminkstrich ist.

Der junge Herr tut zwar so, als habe er Langeweile, als laboriere er an der Leere seiner Existenz, kurz, als sei es der Prinz Leonce aus Büchners Drama. Und der Schauspieler Markus Meyer spricht ("O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!") durchaus auch Sätze, die irgendwie nach Büchner klingen, aber da dazu eine schummrig-schöne Hintergrundmusik erklingt, als sei das rosa "Muzak"-Dauerberieselungsrauschen aus allen Fahrstühlen und Restaurants jetzt auch ins Theater geweht, wirkt sein Sprechen wie melodramatisches Gewäsch. Wenn dann sein Freund und Narr Valerio dazustößt, den Stefan Kurt als reizenden Edelhippie mit nacktem Oberkörper unterm Lederfrack neckisch viril mimt, und die beiden in merkwürdigstem Grönemeyer-Deutsch "Mut mich an, sei mein Geleit" oder "Mach mich nicht gemein" sextenselig duettieren, dann ist alles gut. Nur nicht von Büchner.

Poesie als Pose

Hier wird auf keinen Nerven herumgetrampelt. Hier werden aber auch keine Nerven gezupft. Hier werden allein Saiten aufgezogen. Es grassiert eine fürchterliche Wohllautigkeit. Laute waren für den Texaner Bob Wilson, der dreißig Jahre brauchte, bis er richtig sprechen konnte, immer etwas Geheimnisvolles, Tückisches, Fremdes. Statt in schnellen Lauten sprach Wilsons bestes Theater in langsamen Bildern, die von jeder Wort-Bedeutung getrennt schienen. Sein Theater wurde so zu einer unendlichen Reise in eine andere Welt, die unsere Welt zerschlagen konnte, wenn sie nur wollte. Seit er aber zum Mode- und Designerregisseur wurde, seit er sein Theater immer lauter und schneller sprechen, seit er es nicht mehr zur Ruhe, nur noch zu Musik kommen ließ, schafft er keine eigene Welt mehr mit Wesen und Zeichen wie von fremden Planeten. Er malt nur die bestehende an und aus.

Im Berliner Ensemble läßt er Büchner nun nicht verstummen, sondern plappern - und das Geplapper dann noch durch Bilder, Licht und Töne verdoppeln. "Leonce und Lena" - eine bunte Doppel-Bonbonniere in Form einer Puppenkiste, in der der Fluch der süßen Lieder die Königskinder über jede Hürde hinwegträgt. Poesie wird zur Pose und Packung. Zwar wachsen, wenn Leonce die Liebe zur Tänzerin Rosetta begräbt, wilsonmäßig herrlich brennende Metallstäbe vom Himmel zur Erde, aber wenn Markus Meyer und Ursula Höpfner auf einem Baumstamm nebst Hirschgeweih selig schmusen, dann ist da ein Biedermeierpaar hingegossen, das Grönemeyers Banalitäten ("Du fliehst feige aus der Pflicht") singt, aber nicht Büchners Liebesseelentod stirbt. Und wenn Nina Hoss als Lena sich in einen weißen Schleier hüllt und ("Träume haben ein vielseitiges Programm") säuselt, dann steigert sich ein Casta-Diva-Mannequin in eine Opernallüre, dann träumt sich aber keine verzweifelte Büchner-Prinzessin aus der Welt weg.

Frohgemut klinisch tot

Alles ansehnlich. Säulen ragen, Kassettendecken hängen, italienische Landschaften wachsen von allen Seiten in die Szene, Hände werden in gefrorener Wilson-Masche gestreckt und gewendet und gespreizt. Man ist ganz künstlich komisch. Der Hofstaat schranzt und tanzt allerliebst, und das junge Paar kriegt sich am Ende unter Masken, als sei nie etwas gewesen. Es herrscht ein gewisser Wilson-Humor, als haue man sich mit abgespreiztem kleinem Biedermeierfinger auf die Schenkel. "Leonce und Lena" - von aller Trauer befreit. Aber von aller Lust auch. Sozusagen frohgemut klinisch tot.

Bis Walter Schmidinger als König Peter vom Reiche Popo auftritt, der Herrscher über Sohn, Hochzeit und Volk. Plötzlich bebt's. Ein zartes Ungeheuer, ein wie von einem anderen Stern heruntergefallenes Nasalwesen, das aus "Denken!" einen tollen Sport macht, mit den Armen schlägt, als wolle es in alle Vernunft und Philosophie hinauffliegen - und ahne doch den Absturz. Kein Trottel. Ein hirnwütiger Troll. Er darf ein Couplet singen, in dem "Ich bin a König und ka Herz" vorkommt, als sei Grönemeyer nun wirklich einmal ein genialer Büchner-Ton gelungen, den Nestroy erfunden haben könnte. In und bei und durch Schmidinger lebt, was in "Leonce und Lena" Leben haben muß: Poesie, Witz, Weh. Das war Wilsons Glück. Der Rest aber ist leider nur Wilsons Fabrik.

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Leonce

Valerio

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