Leonce und Lena
- Die Presse -

Südpfalzkurier, 19. März 2014

Ein Spiel zwischen Weltschmerz und Witz

BAD BERGZABERN: Theater-AG des Gymnasiums lässt in Büchners „Leonce und Lena“ die Mächtigen und die vor der Macht Fliehenden in einem Marionetten-Maskenspiel aufeinandertreffen - Noch zwei Aufführungen am Donnerstag und am Samstag.

 

In einer witzig-hintergründigen Inszenierung des Lustspiels „Leonce und Lena" von Georg Büchner zeigt die Theater AG am Alfred-Grosser-Schulzentrum Bad Bergzabern in diesem Jahr den morbiden Charme des  Hofstaates und die melancholische Verstimmheit derer, die daran zu zerbrechen drohen. Doch ausgerechnet einem Narren will es gelingen, dieses Treiben durch seinen Wortwitz zu hintertreiben und zu einem beinahe utopischen Ende zu führen…

Bereits 1989 hatte Berthold Blaes, der in diesem Jahr mit seiner Theater-AG das 30-jährige Jubiläum feiert, das 1836 entstandene Stück schon einmal inszeniert. Dass es nun eine neue Inszenierung erfährt, begründet Blaes mit der vielschichtigen Thematik des Stückes, die u.a. „gerade in diesen Tagen einen besonderen Genuss“ biete,  weil „Büchner den psychotischen Überwachungstrieb des Staates gegenüber nicht willfährigen Bürgern auf urkomische Art und Weise“ entlarve.

Das Bühnenbild – stimmig entworfen und professionell umgesetzt von Lukas Sitt und Nicholas Wood - lässt den Zuschauer zunächst einen schwarz-grau ausgekleideten Raum mit nach rechts und links ansteigenden Schrägen erkennen. Kein unnötiges Accessoire verstellt hier den Weg. Ein Gefühl der Leere, aber auch eine gewisse Enge, die man unschwer mit einem Duodezfürstentum der 1830er Jahre assoziiert, geht von den  schwarzen Stellwänden aus, die den Spielraum begrenzen, aber auch Schlupflöcher ausweisen, um dieser leeren Enge zu entfliehen. Und so ist auch die Weite, die die Sehnsüchte der Figuren braucht, spiel- und spürbar, etwa wenn die beiden Figurenpaare Leonce und Valerio sowie Lena und ihre Gouvernante auf ihrer Flucht so manchen Hügel erklimmen oder die Weite des Ländchens durchmessen müssen. Abgeschirmt wird dieser Spielraum durch einen weißen Himmel, der so luftig über der Bühne drapiert ist, dass er die Leichtigkeit des Lustspiels atmen lässt. Die kluge Lichtregie (Lukas Sitt und Adrian Schulte) ergänzt die wie immer modern und kein bisschen naturalistische Bühnenarchitektur und  lässt den Zuschauer  damit die vielfältigen Räume des Stückes imaginieren. Allein der Flügel im mittleren Bühnenhintergrund ist ungewöhnlich und verweist auf eine Besonderheit der diesjährigen Inszenierung.

Mit dem Komponisten und Pianisten Chris Jarrett am Flügel, der seine eigens für diese Inszenierung geschriebene Musik selbst intoniert, wird das Bühnenstück von einer atmosphärischen Klangkulisse getragen, die dem Spiel mal einen  schalkhaften, dann jedoch auch wieder einen tief melancholischen oder auch treibenden Rhythmus unterlegt. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das gelungene Zusammenspiel zwischen Chris Jarretts Musik und der Schauspielkunst der Theater AG in der Eröffnungsszene, wenn die Darsteller  im Getriebe der Musik wie an unsichtbaren Fäden als Marionetten über die Bühne wirbeln. Diese choreographische Leistung, die vor allem der tänzerischen Erfahrung Lara Abeles und Nathalie Daibels zu verdanken ist, beweist, dass diese jungen Theaterleute Schauspielkunst im wahrsten Sinne des Wortes verkörpern können . Dass Jarrett neben dem Klavier auch Percussion einsetzt, unterstreicht den bisweilen wilden Wortwitz Valerios und steigert die Dynamik der Wortgefechte zwischen diesem und Leonce zu einem atemberaubenden Tempo. Aber auch die tief-melancholischen Passagen der Lena oder der naiv-lyrische Gesang der Rosetta werden mit der nötigen Zurückhaltung musikalisch untermalt, ohne dass das Worttheater in den Hintergrund rückt.

Die Kostüme, welche die Theater-AG selbst zusammengestellt hat, spiegeln die Zugehörigkeit der Figuren zu ihrem jeweiligen sozialen Rang: König Peter, dem das Grün zu wenig Macht ausdrückt, wählt daher die Inkarnation der Macht, nämlich Purpur, der Hofstaat tut es ihm freilich gleich. Prinzessin Lena und die Gouvernante erscheinen ganz untadelig unschuldig in Weiß, doch Lena schmückt ihre Beine mit goldfarbigen Leggings, um im Kontrast zur Gouvernante auch einen Funken ihres adligen Geblüts zu demonstrieren. Zwei fallen jedoch aus diesem Einerlei heraus: Leonce und Valerio. Bereits ihre Kleidung verrät, dass sie zusammengehören. Bunte Kostüme, im Falle Valerios leicht schrullig, weisen sie als Sonderlinge aus. Nur das goldene Jackett des Prinzen Leonce korrespondiert zu den goldenen Beinkleidern der Prinzessin Lena. Ob da etwas zusammenkommt, was zusammengehört?

Hier beginnt die eigentliche Geschichte des Lustspiels. Zwei Königskinder (Leonce und Lena) sollen verheiratet werden, diese wollen aber nicht. Heiratspolitik von einem alternden König eingefädelt, um der Macht Willen. Doch Prinz Leonce verweigert sich. Er ist ein rechter Taugenichts, zeigt sich respektlos gegenüber seinem Hofmeister, seiner Mätresse Rosetta gegenüber drückt er unverhohlen aus, dass er ihrer überdrüssig ist. Er entwickelt einen ganz eigenen Ehrgeiz darin, seine Mitmenschen zu verspotten. Bis da Valerio auftaucht, der ihn in dieser Meisterschaft noch übertrifft. Und folglich tun sich diese Zwei zusammen, werden ein Paar, das nach Italien will, aber im Wirtshaus steckenbleibt und endlich auf ein anderes Paar (Lena und ihre Gouvernante) trifft. Die Paare werden neu gemischt und heraus kommt ein neuer Leonce. Einer, der sich so unsterblich verliebt hat, dass er sterben will. Doch das verhindert Valerio, und dann will Leonce endlich doch noch heiraten und zwar ausgerechnet diejenige, wegen der er geflohen ist. Natürlich entwickelt sich eine solche verwickelte Geschichte nicht ganz von selbst, dazu braucht es einen Spielmacher und das ist Valerio.

Heinrich Schulz zeigt sich in diesem Stück als wandlungsfähiger Leonce, der zunächst seine Langeweile auslebt. Dann jedoch, nach der Begegnung mit Valerio, den Nicholas Wood gekonnt als den stets auf seinen Vorteil bedachten Spiel- und Spaßmacher gibt, nimmt selbst dieser Faulenzer entschieden Fahrt auf, um mit Valerio im Wortwitz zu wetteifern. Die wirkliche Wandlung erfährt dieser Prinz jedoch erst durch die Begegnung mit Lena (Angela Blaes), die ihre tiefgründig-traurige Sicht auf die Welt diesmal weniger durch Worte, als durch ausdrucksstarke Mimik und Gestik verkörpern muss. Den wenigen, aber sehr dichten poetischen Passagen dieser elfenhaften Figur verleiht Angela Blaes eine angemessene Stimme. Auch Rosetta (Lara Abele) überzeugt sowohl durch ihre tänzerische wie stimmliche Leistung. Ganz in seinem Element ist natürlich Jorit Hopp als König Peter von Popo: Gekonnt setzt er die mangelnde Redekunst dieses umnachteten Möchtegernphilosophen in Szene, indem er dem Kammerdiener den Moral-Manschetten-Mix vorjammert oder andere sinnentleerte Verlautbarungen an seine Untergebenen von sich gibt. Und Sarah Forbat spielt die Gouvernante zwar vorwiegend als gütige, liebevolle und besorgte Dame, zeigt aber dem sie umwerbenden Valerio durchaus, dass mit ihr kein leichtes Spiel zu machen ist. Natürlich sind auch die Darsteller des Hofstaates überzeugend, wenn sie mit gravitätisch bemessenem Schritt die Bühne durchschreiten und die ein oder andere Phrase von sich geben dürfen.

Ein besonderes Schmankerl bieten die beiden Polizisten (Larissa Rohde und Sebastian Lieb). In der Polizeidienerszene karikieren sie durch gekonntes Mienenspiel, urkomische Bewegungen die Dummheit der Staatswächter ebenso wie die Albernheit der Steckbriefe, die ein ganzes Volk des Delinquententums verdächtigt.

Und wenn Valerio im Schlusswort noch einmal seine Lust an diesseitigen Genüssen wie Makkaroni, Melonen und Feigen reklamiert, so zeigen die Gesichter des Prinzenpaars deutlich skeptische Züge. Kein seligmachendes Ende also wie im Märchen, sondern ein eher fragendes nach dem „Wie geht es jetzt weiter?“

Berthold Blaes hat mit seiner Inszenierung, die anlässlich des für ein Schultheater einzigartigen Jubiläums auch ehemalige Schauspieler der Theater-AG einbezieht, wieder einmal unter Beweis gestellt, dass Schultheater mehr sein kann als Rollenspielen. Denn neben diesen bereits Bühnenerprobten zeigten auch die übrigen Darsteller große Textsicherheit, Ausdrucksstärke und Bewegungsharmonie, die diese Performance auszeichneten.

Das Publikum zeigte seine Anerkennung bei der Premiere am Donnerstag einerseits durch Beifallkundgebungen zwischen den einzelnen Szenen, aber auch durch anhaltenden Applaus am Schluss.

Kein mehrfaches Vivat-Rufen, aber ein dreifaches Danke im Namen der Schulgemeinde für Berthold Blaes und seine Theater AG für 30 Jahre Theatergenuss an unserer Schule!

                                                                                                                                                     Eleonore Beinghaus

_____________________________________

Südpfalzkurier, 26. März 2014

Große Kultur in Bad Bergzabern: „Leonce und Lena“

 

Wenn es etwas Kultiges gibt in Bad Bergzabern, so sind das die jährlichen Aufführungen der Theater-AG… Sie locken – wie auch dieses Mal bei den Vorstellungen am 12., 14., 20. und 22. März 2014 in der Aula des Alfred-Grosser-Schulzentrums -  insgesamt weit über tausend Besucher an, darunter Fachleute aus Karlsruhe, Köln, München und sogar Paris. Und warum? Weil man so viel Frische, so viel Schwung und soviel Einfallsreichtum  selbst auf professionellen Bühnen selten findet. Und das seit dreißig Jahren.

Just zu diesem erstaunlichen Jubiläum trumpfte man jetzt mit einer besonderen Inszenierung auf: „Leonce und Lena“ von Georg Büchner mit live-Musik eigens zum Stück komponiert von Chris Jarrett.

Der Flügel steht in der Szene und der Pianist gibt das Tempo und den Ton für die Spieler an, die durch futuristische Kulissen wirbeln. Die Musik beschleunigt die präzis choreografierten pantomimischen Sequenzen oder verzögert die lyrischen Passagen, wie man es vom Stummfilm her kennt, nur, dass eben auch gesprochen wird – Büchners Text, der einen (noch immer) in der Seele trifft. Dies umso mehr, als es in der von diesem Ensemble zwar gewohnten, nicht aber selbstverständlichen brillanten Diktion und Stimmführung geschieht. Bild und Ton, Bewegung, Sprache und Musik entwickeln eine klare Symbolkraft: Schlagartig erkennt das Publikum die groteske Lage, in der wir uns alle befinden, wenn König Popo in Kaisers neuen Kleidern vor seinem Volk von Marionetten steht und eine virtuelle Hochzeit befiehlt – von Automaten. Denn der echte Prinz von Popoland und die echte Prinzessin von Pipiland haben sich aus dem Staub gemacht. Was allein zählt, ist der Schein. Das Sein ist überflüssig geworden und mit ihm die wahre Liebe.

Das Piano hetzt und treibt das Äußerliche bis zum Äußersten. Nur wenn Büchner innerlich wird, schweigt es oder klimpert nostalgisch, als gäbe es da noch was Echtes, das wirklich nicht virtuell ist.

Das Theater aufersteht als moralische Anstalt. Zugleich Pädagoge und Regisseur setzt es Berthold Blaes mit dem jungen Ensemble glänzend in Szene, verstärkt von älteren Jahrgängen, die von Schiller über Brecht bis zu Dario Fo vordem schon durch seine Schule gegangen sind. Was daraus wird, ist ein Theaterabend, der beschwingt, anregt und nachdenklich macht. Mehr kann man nicht wünschen.

                                                                                                         Stefan Walther

Büchner / Leonce

Die Rollen

Automaten/Intro

Leonce

Valerio

Lena

Gouvernante

Rosetta

König Peter

Der Hofstaat

Die Polizisten

Leonce & Lena

Automaten/Ende

Ensemble

Der Autor

Der Inhalt

Dramaturgie

Presse