Buntes
- ”Schillerndes” - Druckansicht -

Die Rheinpfalz, 05. Oktober 2005

„Ich bin ein freier Mann!" - „Jaja, Tell ."

BAD BERGZABERN: Theater-AG des Gymnasiums spielt den Apfelschuss aus „Wilhelm Tell " mit unterschiedlichem Blickwinkel


Von unserem Redaktionsmitglied Axel Stolper


Dass Wilhelm Tell ein „schillernder" Held ist, zeigte die Theater-AG des Gymnasiums der Kooperativen Gesamtschule im Rahmen der Bad Bergzaberner „BuchLese". Die Mehrdeutigkeit der Hauptfigur in Schillers 1804 uraufgeführtem Drama machten die Schüler unter der Regie von Berthold Blaes am Samstagabend in der Schlosshalle greifbar, indem sie den berühmten Apfelschuss, einen zentralen Umschlagpunkt des Stücks, von drei Seiten beleuchteten.


Dem Titelhelden werden durch persönliche Betroffenheit die politischen Augen geöffnet: Seinem eigenen Sohn muss er den Apfel vom Kopf schießen, weil er den Geßlerhut nicht gegrüßt hat! Er wird zur Strafe vom tyrannischen Landvogt selbst dazu gezwungen, zum ersten Mal seine Jagd-Armbrust auf einem Menschen zu richten. Später soll dem Bedrücker diese aufgezwungene Erfahrung zum Verhängnis werden. Denn bei Tell brennt beim - gottlob geglückten - Apfelschuss eine Sicherung durch. Naturverbundene Naivität weicht politischem Bewusstsein.


In dieser Szene gerät Tell , von Anfang als Selbsthelfer und Eigenbrötler eingeführt, ohne Absicht in die Rolle eines Volksretters hinein. Der Widerspruch zwischen selbständigen Handeln und dem Getragensein vom Willen der Masse führt zu dem „Schillernden" an der Figur des Klassikers: Hier liegt eine Grundlage für so viele Um- und Miss-Deutungen des „ Tell " und hier setzte die Theater-AG an.


Um die Zeit der deutschen Reichsgründung von 1871 galt das Werk als Vorwegnahme der nationalen Einigung. Die Nazis fanden dann in ihm und dem Rütli-Anführer Stauffacher die völkische Führernatur wieder. Doch 1941 merkte Hitler, dass man die Tyrannenmord-Thematik auch gegen ihn auslegen könnte, und schnell verschwand das Werk aus der Schule und von der Bühne.


Nach dem zweiten Weltkrieg stellte etwa Hansgünther Heyme in seiner Wiesbadener Inszenierung von 1965 die Tell -Handlung als faschistoid-nationalistische Massenhysterie auf die Bühne. Max Frischs Umdeutung in „Wilhelm Tell für die Schule" von 1974 nimmt dann den Freiheitshelden auf trocken-humoristische Weise auseinander: Blaes" Truppe zeigte in diesem Sinne in ihrer zweiten Version des Apfelschusses Tell mit komödiantischer Emphase als von der Masse ins Heldentum geschubster Trottel: „Ich bin ein freier Mann", hält Tell dem Bedroher entgegen. „Jaja, Tell ", entgegnet Geßler herablassend. Und der Landvogt wollte bereits eine „Begnadigung mangels Apfel" aussprechen, hätte nicht Tells Sohn Walter ( Miriam Kost) „zufällig" einen dabei gehabt. Später steckt das Volk dem Tyrannen, warum Tell noch einen zweiten Pfeil in der Hinterhand hatte: Nichts da mit kühner Provokation, adé Held.


Einen dritten Blickwinkel auf den Schuss in der dritten Szene des dritten Aufzuges eröffnete die AG mit der vorangehenden Szene, wo Ulrich von Rudenz (Ludwig Berger) von seiner Geliebten Berta von Bruneck (Angela Blaes) durch ihre Liebe vom angepassten Höfling zum Anführer des Aufstands gegen die habsburgisch-österreichische Fremdherrschaft in der Schweiz wandelt.


Man hätte sich an diesem Abend in der Schlosshalle noch mehr „Apfelschüsse" gewünscht, etwa mit Vorausdeutungen auf einen Tell als terroristischen Attentäter. Oder einen nationalistischen Volks(ver)führer Tell (Heyme), der mit seinem Propagandaminister Stauffacher die fanatisierten Massen bewegt.


Aber all diese Deutungsmöglichkeiten des Tell -Mythos sind in den dargebotenen beiden Sichtweisen ja schon angelegt. Außerdem waren die „szenischen Annäherungen" der Theater-AG mit zwei Wochen Vorbereitungszeit, neben dem Unterricht, neben den Proben für das nächste reguläre Stück, eine reife Leistung. Die 15 Darsteller, davon einer erst am selben Morgen dazugestoßen, verkörperten ihre Rollen souverän und greifbar.


Kann Tell heute ein Vorbild sein, fragte das Programm-Faltblatt. Und ist die „bürgerliche" Freiheit ein zeitgemäßes Thema? Oder steht zurzeit mehr die soziale Sicherheit im Vordergrund? Begeisterte das Stück auch die Zuschauer in der „ausverkauften" Schlosshalle - die anschließend vorgesehene Diskussion wollte nicht so recht in Gang kommen. Zugegeben: Über die Gegenwartsbezogenheit des Freiheitsbegriffs im „ Tell " zu diskutieren, ist aus dem Stand nicht ganz so einfach, wenn man nicht „eingelesen" ist. In diesem Sinne beklagten Schüler aus dem Publikum, dass sie im Unterricht „immer nur Goethe" vorgesetzt bekämen, was von seiten einiger anwesender Lehrer dementiert wurde. „Es sieht nicht ganz so düster aus" meinte auch Blaes.


Anregungen für eine spätere Privat-Diskussion im Kopf gab es indessen genug bei der Aufführung, und im anregend geschriebenen Programmheft.

 

ITSCHNW / ITSCHNW

Quelle:
Publikation: DIE RHEINPFALZ
Regionalausgabe: Pfälzer Tageblatt
Datum: Nr.231
Datum: Mittwoch, den 05. Oktober 2005

 

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