Der Besuch der alten Dame
- Die Presse -

DIE RHEINPFALZ, 02.12.1985

Eiseskälte düsteren Grauens

Immer wieder steht der „Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt auf den Spielplänen der Theater. Die Theater-AG der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern hat nun - vor vollbesetzter Aula -dieses Stück aufgeführt. Und - um es vorweg zu sagen - es ist sehr verdienstvoll von Berthold Blaes, der die Einstudierung besorgte und die Gesamtleitung hatte, von allen Schülern, die als Akteure Hervorragendes leisteten und ... an dieser rundum geglückten Aufführung beteiligt waren.

Der„Besuch der alten Dame" ist schon so oft - auch im Fernsehen - geboten worden, so daß der Inhalt nur weniger Worte bedarf. Die alte Dame, einst wegen eines unehelichen Kindes aus ihrem Heimatort Güllen hinausgebissen, in Amerika zur Multimillionärin geworden, nachdem sie einen langen Weg der Schande zu gehen gezwungen war, kehrt in ihren Heimatort zurück, um an ihrem früheren Geliebten Rache zu nehmen. Mit ihrem unermeßli-chen Reichtum will sie die Raff- und Rachsucht der Bürger kaufen und ihren ehemaligen Liebhaber, den Alfred Ill, vernichten. Wie die Bürger der Gemeinde das Geldangebot zunächst entrüstet und mit hohlen, moralingetränkten Sprüchen zurückweisen, dann aber beginnen, mit diesem Wechsel auf die reiche Zukunft immer mehr in Luxus und Wohlhabenheit hineinzuleben und schließlich ihren Mitbürger Ill umbringen, um die erhoffte Milliarde zu erhalten, das ist ein Stoff, den Dürrenmatt in bewegten und bewegenden Bildern auf die Bühne brachte.

Gelegentlich sind wohl Züge des griechischen Dramas von Schuld und Sühne, des Verhältnisses von Untat und Strafe erkennbar, wobei freilich die letzte Frage, nämlich die der Strafbarkeit der alten Dame wegen Anstiftung zum Mord, offen bleibt. Der läßt dem denkenden Zuschauer noch ein paar Fragen offen.

Das düstere Grauen, das über der Handlung liegt, ist in Bühnenbild und Beleuchtung eindringlich und wirklichkeitsecht ausgedrückt. Ein großes Lob demnach dem Bühnen- und Maskenbildner (Ludwig Faoro und Therese Höltje), den Beleuchtern (Stefan Gottschalk und Markus Hess), dem Zauberer der akustischen Effekte (Albrecht Heil). Hervorragend die schicksalhafte Unentrinnbarkeit des tragischen Geschehens begleitend die musikalische Einlage, die mit dem Prelude von Rachmaninoff geradezu greifbar wurde. Ebenso vervollständigt der sauber einstudierte Chor (Leitung Clemens Schmitt) den zynisch-satirischen Charakter des Gemeindelebens.

Dieser Rahmen wurde glut- und blutvoll ausgefüllt von einer Gruppe von Akteuren, die mitunter den Vergleich mit Profis nicht zu scheuen brauchen.

Es würde der homogenen, künstlerisch geschlossenen Gesamtleistung nicht gerecht, wenn einzelne, und seien sie auch noch so hervorragend, herausgestellt würden. Die alte Dame Zachanassian, von Susanne Königshaus in gewohnter prächtiger Einfühlung hervorragend verkörpert, ließ gelegentlich kalten Schauder empfinden. Bei dieser herzlosen, von finsterer Rache beseelten Frau spürt man die Herzenskälte und den Vernichtungswillen. Ihr Erscheinen und ihre Diktion bewirkten, daß in das Auditorium Eiseskälte einzog, optisch wirkungsvoll verstärkt durch das seelenlose, marionettenhafte Gefolge, einer Gesellschaft von willenlosen, zu allen fähigen Kreaturen. Wie die Bewohner von Güllen, zunächst harmlos sich gebende Normalbürger, sich allmählich zu Bestien entwickeln, wie sie dem Mammon verfallen und, zunächst Mitbürger und Kumpel des Ill, den die alte Dame zu vernichten trachtet, sich allmählich von Geld und Reichtum geblendet, zu potentiellen und schließlich zu wirklichen Mördern entwickeln, das hat die Schülergruppe überzeugend dargestellt.

Beeindruckend Ill, der Gejagte und Verfolgte, der das Opfer des Psychoterrors überzeugend darstellt - Leo Faoro zeigte wieder sein großes Talent! - Bürgermeister (Sven Kilian), Pfarrer (Joachim Geil) und Lehrer (Alex Bach), die Frauen und Männer von Güllen, sie ließen fast vergessen, daß auf der Bühne ein Spiel geboten wurde und vor allem, daß sie Amateure und keine Profis sind.

Man vergegenwärtige sich nur den Dialog zwischen Bürgermeister und Ill, der der Aufforderung sich das Leben zu nehmen. mit einer Haltung begegnet, die in Wort und Gestik erstaunen ließ. Hier standen zwei Profis auf der Bühne!

Wirklich, die Zuschauer konnten eine Aufführung erleben, die nicht nur von Fleiß und Engagement der Schüler und ihres Leiters, Berthold Blaes, Kenntnis gab, sondern die auch strengen künstlerischen Anforderungen gerecht wurde. Der früher geäußerte Wunsch, bald wieder ein solches Theatererlebnis haben zu dürfen, ging in Erfüllung! Wir wiederholen ihn!

 WALTER HOFFMANN 

Dürrenmatt/Alte Dame

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