Leben des Galilei
- Discorsi -

  Sechzehnhundertdreiunddreißig bis
  sechzehnhundertzweiundvierzig
  Galileo Galilei ist ein Gefangener der Kirche
  bis zu seinem Tode.

1633 - 1642.  GALILEO  GALILEI  LEBT  IN  EINEM  LANDHAUS  IN
DER NÄHE VON FLORENZ, BIS ZU SEINEM TOD EIN GEFANGENER
DER  INQUISITION:  DIE  “DISCORSI”

Galilei : Wie weit war ich?
Virginia: Abschnitt vier: Anlangend die
   Stellungnahme der Heiligen Kirche zu
   den Unruhen im Arsenal von Venedig
   stimme ich überein mit der Haltung
   Kardinal Spolettis gegenüber den
   aufrührerischen Seilern...
Galilei: Ja.
Diktiert ...stimme ich überein,
   nämlich dass es besser ist, an sie Sup-
   pen zu verteilen im Namen der christ-
   lichen Nächstenliebe, als ihnen mehr
   für ihre Schiffs- und Glockenseile zu
   zahlen. Der Apostel Paulus sagt: Wohl-
   tätigkeit versagt niemals - Wie ist das?
Virginia: Es ist wunderbar, Vater.
Galilei: Du meinst nicht, dass eine Ironie
   hineingelesen werden könnte?

Galilei (Alex Bach) - mit nachlassendem Augenlicht - lässt seine Tochter Virginia (Inga Häusler) neben ironischen Briefen vor allem heimlich sein Grundwerk zur Physik schreiben: die “Discorsi”.

Virginia: Ich weiß nicht, ob er dich sehen will? Du bist nie gekommen.
Andrea: Frag ihn.
Galilei
hat die Stimme erkannt.Er sitzt unbeweglich
Ist es Andrea?
Virginia: Ja, soll ich ihn wegschicken?...
Galilei
nach einer Pause : Führ ihn herein.
Virginia
zum Mönch :
Er ist harmlos. Er war sein Schüler. So ist er jetzt sein Feind.

Andrea (kühl) :
Wie geht es Ihnen?...
Galilei: Ich befinde mich wohl...
Andrea:
Auch wir hörten, dass die Kirche mit Ihnen zufrieden ist. Ihre völlige Unterwerfung hat ge- wirkt. Die Oberen haben mit Genugtuung fest- gestellt, dass in Italien kein Werk mit neuen Behauptungen mehr veröffentlicht wurde, seit Sie sich unterwarfen. Auch anderswo trat infolge Ihres Widerrufs ein für die Kirche erfreu- licher Rückschlag ein!

Galilei:  Wirklich? Pause  Nichts von Descartes?.... Nichts aus Paris?
Andrea: Doch. Auf die Nachricht von Ihrem Widerruf stopfte er seinen Traktat über die Natur des
    Lichts in die Lade...
Galilei: Ich weiß nicht, warum du gekommen bist, Sarti. Um mich aufzustören? Ich lebe vorsichtig
    und ich denke vorsichtig, seit ich hier bin. Ich habe ohnedies meine Rückfälle, ich habe
    wieder geschrieben.
Andrea: So?   Galilei: Ich schrieb die “Discorsi” fertig.  Andrea: Was?! 
Galilei gibt ihm die Abschrift, Andrea blättert in dem Manusskipt : Die “Discorsi”!.. Das wird eine neue Wissenschaft begründen. Und wir dachten, sie wären übergelaufen! Meine Stimme war die lauteste gegen sie!
Galilei:    Das gehörte sich. Ich lehrte dich Wissenschaft und verneinte die Wahrheit.
Andrea:  Dies verändert alles. Alles.        Galilei: Ja?

Andrea: Sie versteckten die Wahrheit. Vor dem Feind. Auch auf dem Felde der Ethik waren Sie uns um Jahrhunderte voraus.
Galilei: Erläutere das, Andrea.
Andrea: Mit dem Mann auf der Straße sagten wir: Er wird sterben, aber er wird nie widerrufen. - Sie kamen zurück: Ich habe widerrufen, aber ich werde leben. - Ihre Hände sind befleckt, sagten wir. - Sie sagten: Besser befleckt als leer.
Galilei: Besser befleckt als leer. Klingt realistisch. Klingt nach mir. Neue Wissenschaft, neue Ethik. Ich vor allen anderen hätte es wissen müssen!...Die Wissenschaft kennt nur ein Gebot: den wissenschaftlichen Beitrag.
Galilei: Und den habe ich geliefert. Willkommen in der Gosse, Bruder in der Wissenschaft und Vetter im Verrat!
Andrea: Todesfurcht ist menschlich! menschliche Schwächen gehen die Wissenschaft nichts an.

Galilei:   ...Nein! - Mein lieber Sarti,  Wissen- schaft handelt mit Wissen, gewonnen durch Zweifel.  Nun wird ein Großteil der Bevölke- rung von ihren Fürsten, Grundbesitzern und Geistlichen in einem perlmutternen Dunst von Aberglauben und alten Wörtern gehal- ten, welcher die Machination dieser Leute verdeckt. Das Elend der Vielen ist so alt wie das Gebirge und wird von Kanzel und Katheder herab für unzerstörbar erklärt. Unsere neue Kunst des Zweifelns entzückte das große Publikum. Es riss uns das Teles- kop aus der Hand und richtete es auf seine Peiniger. Diese selbstischen und gewalt- tätigen Männer, die sich die Früchte der Wissenschaft gierig zunutze gemacht haben, fühlen zugleich das kalte Auge der Wissenschaft auf ein tausendjähriges, aber
künstliches Elend gerichtet, das deutlich 

beseitigt werden konnte, indem sie beseitigt wurden. Aber können wir uns der Menge verweigern und doch Wissenschaftler bleiben?...

...Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbst- süchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden, und eure Maschinen mögen nur neue Drangsale bedeuten,...euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Entdeckung von einem universalen Ensetzenschrei beantwortet werden könnte.. - Ich hatte als Wissenschaftler eine einzigartige Möglichkeit. In meiner Zeit erreichte die Astronomie die Marktplätze. Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden. Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können...

...Ich habe meinen Beruf verraten. Ein Mensch, der das tut, was ich getan habe, kann in den Reihen der Wissenschaftler nicht geduldet werden.
Virginia: Du bist aufgenommen in die Reihen der Gläubigen.
Galilei: Richtig - ich muss jetzt essen.
Andrea: So sind Sie nicht mehr der Meinung, dass ein neues Zeitalter angebrochen ist?
Galilei: Doch.

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