Leben des Galilei
Bert Brecht

DIE RHEINPFALZ, 11.06.1988

Lehrstück von der Frag-Würdigkeit der Würde

 - Geistes-Marathon Bad Bergzaberner Schüler -
Brecht gewagt und gewonnen

von Wolfgang Schwarz

Man merkt es der Atmosphäre voll Engagiertheit und Schweiß an, daß hier eine riesige gedankliche Arbeit vorausgegangen ist. Die Theater-Arbeitsgemeinschaft der Kooperativen Gesamtschule in Bad Bergzabern hat Bertold Brechts „Leben des Galilei“ auf die „Bretter“ gebracht, die  in diesem Fall wirklich „die Welt bedeuten“. Sie sind diese Welt - leider nicht!

Man hat sich, schülerseits, nicht gescheut über eine Gestalt zu grübeln, die, wie diejenige des Astronomen, des Grillenfängers und Schlemmers Galileo Galilei, eines Barock-Originals, weiß Gott alles andere als ein ,,Vorbild“ ist. Also gegen den (Schule-)Strich haben hier (Schule-)Leute sich den Kopf zerbrochen - das allein ist schon ein Bravour-Akt.

Alles, was Schule an Menschenbild und Moral, an Religion und Wissenschaft bietet, das wird hier vorn Tisch gefegt. Von einem noch dazu unsympathischen Quereler und Griesebär, der den Vorzug hat, ein genialer Mathematiker zu sein. Aber da hat sich freilich auch in Alexander Bach ein Talent gefunden, das dieser dubiosen Figur eine Stimme und Faszination abzuschmiegen vermag, die über vier Stunden eine spannnende Aufführung trägt.

Alexander Bach legt ihn gebrochen an - diesen das Weltbild zerbrechenden Mann. Eine zerstreute Professoren-Type, die vor Egozentrik strotzt, zugleich ein listiger Manipulierer mit seinem Genius, ja ein Gauner, wenn er das den Niederländern abgeguckte Fernrohr für sein eigenes ausgibt. Ganz schön gerissen - dieser durchaus materiell eingestellte Universitäts-Ordinarius. So - zum Verkehrtbild von einem ,,Helden“- stilisiert der junge Akteur diesen alten Rontinier hoch. Ja – hoch.

Denn eben darin, in dieser Frag-Würdigkeit von Würde, ruht das Menschen-Geheimnis, das dieses geheimnisvollste von allen Brechtschen Stücken enthält. Es geht einen langen Weg. Über Millieuschilderungen: nach Venedig, zu dem Hofe von Florenz, von der Neuzeit ins Mittelalter zurück. An den Hof von Rom. Da sucht ein modernistischer Papst frischen Wind für sein leckes Kirchenschiff.

Korrupt sind Kirche und Staat. So korrupt kann auch ein noch so von sich selbst überzeugter Gelehrter nicht sein. Galilei - in Alexander Bach - hat also stets noch den Vorzug des zweckfreien Geistes-Arbeiters auf seiner Seite. Des Forschers. Des Wahrheitssuchers.

Höhepunkt dieser Biographie eines bedeutenden Erfinders und Entdeckers ist die Erfindung und Entdeckung einer ,,neuen Ethik“. Dieser Höhepunkt ist scharf herausgearbeitet. Von einer Regie, die Szenen zu Pointen zu zügeln versteht. Berthold Blaes bringt dies abrollende Lebensbensbild auf den Punkt: dieser Wahrheitsverfechter Galilei widerruft ,;seine“ Wahrheit, die Großinquisition ist stärker als er. Aber sein junger Freund, Andrea Sarti (Daria Stehl als junger, Thorsten Braun als älterer Sarti, er, der den Widerrufer zunächst verachtet, nimmt dieses Schwachen und Unhelden ,,neue Ethik“ an.

Es ist eine neue ,,Würde des Menschen“, eine ,,frag-würdige“. Sie blüht im Verzicht der Würde von der Würde des Fragens willen. Ganz heutig wird's an diesem Höhepunkt: daß die Wissenschaft ebenso wenig wie der Glaube die Wahrheit enthält. Die Wahrheit bleibt woanders. Wo? Dort - wo man weiterfragt. Zum Beispiel, sehr akut: wie es mit dem Phänomen Macht beschaffen ist.

 Brecht weiß, ebenso wie wir, daß das Atom-Zeitalter in den Untergang führt. Das weiß, selbstverständlich, auch die Macht. Aber sie will es nicht wissen. Sie wäre nicht die Macht, wenn sie in der Ohmacht wäre - also ist sie zur Lüge verdammt. Galilei in Alexander Bach meditiert am Ende des endlosen Spektakels darüber: Daß die Wissenschaft um keinen Preis der Macht nachgeben darf.

Wie gesagt: erstaunlich, was diese Mädchen und Jungen hier für einen Komplex an Verzweiflungen und Hoffnungen durchdrungen haben. Was für eine Weisheit, die größer als alle Schulweisheit ist.

Das Bühnenbild, wie die Inszenierung: Berthold Blaes und Lutz Faoro, glänzten durch Askese. Durch treue Wiedergabe des marathonischen intellektuellen Prozesses, der sich, im Brecht-Werk, abspielt.

Gewiss ist's, wie beim Spielen, so auch beim Zuschauen, bisweilen quälend: bei der Sache zu bleiben; aber so ist es nun einmal der Geist, er bringt uns in keine Würde - außer, wie hier, in die Frag-Würde. Das heißt: nach Galilei ,,Und die Erde, sie dreht sich doch“. Der Beifall für diese enorme Theater- und Schulschöpfung war großer Lohn für große Mühe.

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