Die Irre von Chaillot
- Im Café -

Trügerische Ruhe im Café
von links :
Die Irre von
Saint-Sulpice (Susanne Fa- bricius), Blu- menmädchen (Deborah Ha- nusa), Lumpen- sammler (Thor- sten Braun), die Irre von la Con- corde (Jasmin Büch), der Prospektor (Joachim Geil)

Ein Pariser Café - Kaleidoskop der gesellschaftlichen Milieus und Konflikte.
Hier lassen sich auch ein Präsident, ein Baron und Prospektor (Wirtschaftagent) nieder, um ihre Strategie zur menschenverachtenden ökonomischen Ausbeutung der Stadt zu besprechen: Unter dem Stadtgebiet, den Häusern und Gärten vermuten sie in ihrer Besessenheit und Gier riesige Erdölvorkommen. Die Bewohner von Paris, das einfache Volk weiß und fühlt genau, was es von den Herren Präsidenten und Prospektoren zu erwarten hat. Man weiß sich zu wehren...

Präsident (Frank Bohlander) :
   “Wen sie jetzt vor sich se-
    hen: Präsident von elf Ge-
   sellschaften, Mitglied in 25
   Verwaltungsräten, Besitzer
   von ebenso vielen Bank-
   konten und präsumptiver
   Direktor der weltumspan-
   nenden Gesellschaft... Was
   suchen Sie da?”
Lumpensammler (Th. Braun):
   “Was Sie fallen lassen.”
Präsident: “Ich lasse niemals
    etwas fallen.”
Lumpensammler: ”Dann ge-
    hört Ihnen auch nicht die-
    ser Hundertfrancschein?”

Präsident (Frank Bohlander, Mitte):  “Geben Sie mir den Schein und verschwinden Sie!...”
Baron (Christoph Lehnert,
rechts) :  “Sind Sie ganz sicher, dass der Schein Ihnen gehört?”
Präsid.: “Jedenfalls mehr als ihm. Hundertfrancscheine gehören den Reichen, nicht den Armen.”

Baron (Christoph Lehnert)
   “Ich heiße Jean-Hippolyte
    Baron Tomard...Mein letzter
    Gutshof hieß “Frotteau”...
Präsident: Jetzt bin ich an der
    Reihe...”
Blumenmädchen (Deb. Hanusa):
    “
Schöne Veilchen...”
Präsident (Frank Bohlander) :
   
schiebt sie unwirsch weg
    Verschwinden Sie...”

Präsident:
  “Birgt der Boden von Paris
  wirklich Milliarden?”
Prospektor
(Joachim Geil,
re)
 
“Nirgendwo auf der Welt ist
  so wenig geschürft worden
  wie in Paris...Wenn wir ei-
  nes Tages unsern Planeten
  von allem entleert haben,
  was ihn im Gleichgewicht
  hält, was sein inneres Men-
  genverhältnis bestimmt,
  dann läuft er Gefahr, aus
  der Himmelsbahn zu gera-
  ten. Dagegen ist nichts zu
  machen. Da der Mensch
  sich nun mal entschlossen
  hat nicht nur der Bewohner,

sondern auch der Jockey dieses Erdballs zu sein, muss er die Gefahren des Rennens auf sich nehmen...In diesem Jahrhundert der Brennstoffe sind Glaube und Märtyrer nicht mehr modern.

Die schlimmste Drohung unserer Feinde ist noch immer die Drohung uns bloßzustellen. Sie verfügen auf der Erdoberfläche über Schönheiten, über Land- schaften und Städte, die menschliche Ehrfucht davor bewahrt, von uns aus- gebeutet oder geplündert
zu werden; denn wo wir vorüber gekommen sind, erhebt sich kein Gras und kein Zeichen menschlicher Größe mehr... “

Prospektor (Joachim Geil) zum Makler (Martin Blankemeyer, 2. v. rechts ), zum Präsidenten (Frank Bohlander) und Kellner (Dominik Könighaus):

  “... Sie lassen  Kinder sogar
   auf Plätzen spielen, die
   mehr als alle anderen zu
   Grabungen geeignet
   wären!”

Prospektor (Jo. Geil, rechts) :
    ”Hier mein Plan...  Mein
     Gott, was ist das für eine
     Vogelscheuche!
Die Irre von Chaillot erscheint.
Als große Dame. Seidenrock mit Schleppe...Schuhe im Stil Louis VIII., Hut à la Marie Antoinette. An einer Kette eine Lorgnette. Eine Kamee...Sie geht um die terrasse herum und bleibt in der Nähe der Gruppe stehen. Dann zieht sie eine Tischklingel aus dem Ausschnitt ihre Kleides und drückt darauf. Irma er scheint.
Die Irre (Inga Häussler)
:
 
“Sind meine Knochen 
    bereit, Irma?...”

....Die Irre überlegt, macht einen Schritt nach vorn und bleibt vor dem Tisch des Präsidenten stehen.
Präsident:
”Kellner, sorgen Sie dafür, dass die Dame weitergeht.
Kellner:    “Ich werde mich hüten. Sie ist hier zu Hause.
Präsident: “Ist das die Geschäftsführerin?” Kellner:  “Das ist die Irre von Chaillot.”
Präsident: “Eine Irre?”   Kellner:   “Wieso eine Irre? Warum sollte sie verrückt sein?”
Präsident: “Sie haben es doch selbst gesagt, Idiot.”
Kellner:      “Ich sage nur, wie sie heißt. Wieso verrückt? Ich erlaube ihnen nicht, sie zu
                   beleidigen. Das ist die Irre von Chaillot.”
 

Die Irre von Chaillot pfeift auf den Fingern. Der kleine Chas- seur des Cafès erscheint mit drei Shawls über dem Arm... Mit einer koketten Bewegung wirft die irre den Shawl nach rückwärts, dabei stößt sie ein Glas um, dessen Inhalt sich auf die Hose des Präsidenten ergießt, und geht fort.

Die Irre (Inga Häussler):
  
”Ach, lasst sie in Frieden! Die Welt ist
    schön und glücklich! Gott hat es so
    gewollt. Kein Mensch kann daran etwas
    ändern.”

Präsident:
  
”Kellner! Polizei! Ich
    werde mich beschweren!”
Kellner:   “Über wen?
Präsident: “Über die! Über sie!
    Über alle! Über den Sänger,
    über den Hausierer, über
    diese Irre...”
Baron: “Beruhigen Sie sich doch,
    Präsident!”
Präsident: “Niemals! Da haben Sie unsere
   wahren Feinde, Baron! Wir müssen Paris
   von ihnen befreien, und zwar sofort!
   Diese Marionetten, die sich Farbe, Wuchs
   und Gangart unterscheiden!”

Giraudoux / Irre

Die Rollen

Im Café

Pierre

Die Irren

Die Rettung

Die Irren in Bza

Der Inhalt

Dramaturgie

Die Presse