Die Irre von Chaillot
- Die “Irren” -

Aurélie, die Irre von Chaillot (Inga Häussler),
begrüßt Gabrielle,
die Irre von Saint-Sulpice (Susanne Fabricius) in ihrem Keller, von dem aus ein Gang in das Labyrinth der Kloaken von Paris führt - die Falle, die sich Aurélie für die Prospektoren, Barone und Co ausgedacht hat. 

Aurélie (Inga Häussler) zu den Irren von Saint-Sulpice (Susanne Fabri- cius) und Passy (Daria Stehl):
   “Sie sehen nicht besser als Sie
   hören, Gabrielle, sonst hätte Sie
   bemerkt, dass die Menschen, die
   allenthalben so tun, als bauten
   Sie auf, sich insgeheim der Zer-
   störung widmen. Der allerneue-
   ste Bau ist nur das Mannequin
   einer Ruine. Sehen Sie sich bloß
   die Stadträte und ihre Bauunter-
   nehmer an. Was sie als Maurer
   aufbauen, zerstören sie als Frei-
   maurer. Sie bauen Quais und
   zerstören damit die Ufer; sie
   bauen Städte und zersören da-
   mit das Land. Sie behaupten, an
   einem Haus einen Verputz anzu- 

bringen, aber das stimmt nicht, ich habe es aus nächster Nähe beobachtet. Mit ihren Schabeisen kratzen sie mindestens ein paar Millimeter ab. Sie kratzen den Weltraum und den Himmel mit ihren Ferngläsern ab und die Zeit mit ihren Uhren. Das Tun der Menschheit ist nichts als ein großangelegter Versuch, alles niederzureißen...”

Aurélie im Schaukelstuhl :
  ”Warum verschanzt du
  dich in deinem Zimmer?”
Constance (Daria Stehl) :
  “Weil es Mörder gibt.”
Aurélie: “Aber warum gibt
   es Mörder?”
Constance
stehend :
  “Weil es Diebe gibt.”
Aurélie: “Aber warum gibt
  es Diebe?”
Constance: “Weil das Geld
  die Welt regiert.
Aurélie: “Endlich hast du
  es ausgesprochen. Die
  Menschen beten heutzu-
  tage nur noch das
  Goldene Kalb an.”

von links
Joséphine
, die Irre von la Concorde (Jasmin Büch), Gabrielle, die Irre von Saint- Sulpice (Susanne Fabricius), und Constance, die Irre von Passy (Daria Stehl), hören sich den Plan ihrer Freundin Aurélie, der Irren von Chaillot, an.
Aurélie: “Diejenigen, die die
  Welt aushungern, die den
  Krieg haben wollen, die
  unsere jungen Leute verder-
  derben, sie alle werden
  hierher kommen und sich in
  diesem Raum versammeln.
  Haben wir ein Recht, sie samt

und sonders zu beseitigen. Wenn ihr einverstanden seid, habe ich die Mittel dazu!”
Gabrielle : “Sie zu töten?”    Aurélie: “Sie zu beseitigen für immer.”

Joséphine ( Jasmin Büch ):
   ”Ich stelle noch eine,
    allerdings unerlässliche
    Bedingung, bevor wir
    handeln. Einen Anwalt!”
Aurélie: “Einen Anwalt?...
    Sie sind schuldig, ich
     schwöre es dir.
Joséphine:Aurélie, jeder
    Angeklagte hat das
    Recht, sich zu verteidi-
    gen.... Bestelle einen
    Officialverteidiger. Er
    soll in ihrer Abwesen-
    heit sprechen.”
 

Aurelie (Inga Häussler) : “Herr Lumpensammler, hat Irma Ihnen gesagt, um was es geht?”
Der Lumpensammler (Thorsten Braun) :  “Jawohl, Gräfin. Ich habe den Ausbeuter, den
    Bankier zu verteidigen... Statt als Verteidiger zu sprechen, spreche ich gleich als
    Ausbeuter. Ich habe dann mehr Kraft und bin viel überzeugter.”

von links Joséphine, die Irre von la Concorde (Jasmin Büch), Gabrielle, die Irre von Saint- Sulpice ( Susanne Fabricius ) und Constance, die Irre von Passy ( Daria Stehl ), hinter dem Sofa  Irma ( Ina

Jäger ) und das Blumen- mädchen ( Deborah Hanusa ) verfolgen eine symbolisch gespielte Gerichtsverhandlung, in der der Lumpensammer derart aufreizend den
sich verteidigenden “Ausbeuter” mimt, dass
er ein Vernichtungsurteil geradezu provoziert.

Aurelie (Inga Häussler) rechts auf d. Tisch stehend :
“Beten Sie das Geld an?”
Der Lumpensammler (Thorsten Braun) :
 “Ich das Geld anbeten,
  Gräfin? Das Geld betet
  mich an! Die Armen sind
  an ihrer Armut schuld.
  Die Reichen aber tragen
  keine Schuld an ihrem
  Reichtum.”
Joséphine (Jasmin Büch), Gabrielle (Susanne Fabri- cius) und Constance (Daria Stehl), hinter dem Sofa  Irma (Ina Jäger und Blu- menmädchen (D. Hanusa)

Der Lumpensammler (Thorsten Braun) :
 ”Ich habe alle Frauen.
  Mit Geld hat man alle
  Frauen. Man könnte
  glauben, ich habe Ei-
  genschaften, die das
  Geld anziehen. Es
  liebt die Vornehmheit
  nicht, ich bin ordinär;
  es liebt die Intelligenz
  nicht, ich bin ein
  Dummkopf; es liebt die
  Leidenschaftlichen, die
  Liebenden nicht, ich
  bin ein Egoist...”

von links Jasmin Büch, Susanne Fabricius, Deborah Hanusa, Thorsten Braun, Daria Stehl, Inga Häussler, Ina Jäger, Achim Schmitt
Der Lumpensammler (Th. Braun):
 “Untersteht euch, mir auch nur
 ein Haar zu krümmen oder Ihr
  werdet mit geheimen Verhaf-
  tungsbefehlen oder Galeeren
  Bekanntschaft machen...”
Aurélie: “Ihr gebt mir also un
  umschränkte Gewalt über alle
  Ausbeuter, meine Freunde?”
 
Zustimmende Zurufe
  Ich kann sie aus der Welt
  schaffen!” 
Zustimmende Zurufe

Irma ( Ina Jäger ) : “Sie kommen, Gräfin! Zu den übrigen: Ihr müsst fort!” Alle in höchster Eile ab
                            
Sie kommen noch nicht, Gräfin. Ruhen Sie noch einen Augenblick.”

Die Irre (Aurélie) schläft ein. Irma geht auf Zehenspitzen ab. Pierre tritt ein. Er betrachtet die Irre, kniet vor ihr nieder und nimmt ihre Hände.

Die Irre ( I.Häussler ) mit geschlossenen Augen
:
   “Bist du’s, Adolphe Bertaut?”
Pierre ( Boris Becker ) :
   “Ich bin es. Pierre.”
Die Irre:
   “Lüge nicht. Es sind deine Hände. Warum
     hast du mich verlassen?... Genau das
     machen alle Männer. Sie lieben einen,
     weil man gut, geistreich und transparent
     ist, und bei der erstbesten Gelegenheit
     verlassen sie einen...”
Pierre:
   “Liebe Aurélie... Verzeihung!...
Die Irre:
   “So... und jetzt geh, für immer. Leb wohl...
     Gib meine Hände dem kleinen Pierre.
     Gestern habe ich ihn gehalten. Jetzt ist
     die Reihe an ihm...Geh!”
Pierre zieht seine Hände zurück. Stille.
Die Irre
öffnet die Augen :
   “Sie sind es, Pierre! Um so besser...”

Giraudoux / Irre

Die Rollen

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Pierre

Die Irren

Die Rettung

Die Irren in Bza

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