Die Irre von Chaillot
- Die Presse -

DIE RHEINPFALZ, 28.03.1987

Bedrückende Eindringlichkeit verirrter Welt

Giraudoux hat ein Weltbild dargestellt und eine Gesellschaftslehre unterbreitet von einer so bedrückenden Eindringlichkeit und mit so bitterer Konsequenz, daß man sich der Gewalt der Worte und der Bilder nicht entziehen kann. „Die Irre von Chaillot" heißt das Stück. 1945 erschienen und jedes Wort, jedes Bild, jede Szene berührt uns, als ob es gestern geschrieben worden wäre.

Die moderne Gesellschaft und ihre Wirtschaftsordnung, dargestellt durch moderne Manager, einen Präsidenten, der nicht weiß, über wieviele Vereinigungen er präsidiert, einen Baron, der im Sog des Geldrausches alle Überlegungen verliert, einen Makler von der übelsten Sorte, der ohne Gewissen Geschäfte zu machen versucht, und ein paar Verirrte und Verführte, Menschen, von denen gerade in unserem Zeitalter täglich die Zeitungen berichten, das sind mit einem Planer die einen, die keine Hemmungen haben, auf der Suche nach Erdöl- und Mineralienvorkommen ganz Paris zu zerstören. In der Aufführung lebensecht dargestellt von Frank Bohlander, Christoph Lehnert, Martin Blankemeyer und Joachim Geil.

Giraudoux hat während des zweiten Weltkrieges an seinem Stück gearbeitet, und wir sehen und hören, daß es die Weltprobleme aller Zeiten, besonders auch von heute, sind, die uns hier in eindringlicher Weise vorgestellt werden. Und Giraudoux weiß, wovon er spricht! Nicht nur der Geist des Dichters sieht und spürt die tragische Entwicklung, welche die materialistische und mechanisierte Welt von heute nimmt. Giraudoux würde auch im diplomatischen Dienst in Frankreich und als Leiter des Informationsdienstes seiner Regierung mit den beängstigenden Formen des modernen Lebens konfrontiert, die Gegenstand seiner Auseinandersetzungen in der „Irren von Chaillot" bilden.

Die moderne Gesellschaft braucht Menschen, die reibungslos zusammenarbeiten und immer mehr konsumieren wollen, sie braucht Menschen, die sich frei und unabhängig fühlen und glauben, keiner Autorität und keinem Gewissen unterworfen zu sein. Der moderne Mensch ist sich selbst, seinen Mitmenschen und der Natur entfremdet und zur Ware geworden. Das sind mit allen Konsequenzen einer gnadenlosen Entwicklung die „irren" Gedanken einer Menschheit, die in ihrem Geldrausch sich zum Tanz um das goldene Kalb formiert. Und sie tut es, obwohl einer der Macher der Zeit, der Planer, der Prospektor, erkennt: „Wenn wir eines Tages unseren Planeten von allem entleert haben, was ihn im Gleichgewicht hält, dann läuft er Gefahr aus der Himmelsbahn zu geraten".

Mit einer unter die Haut gehenden Eindringlichkeit und einer unglaublichen Darstellungskraft hat die Theater-AG der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern dieses Stück dargeboten und damit ihrer verdienstvollen Reihe beachtlicher Aufführungen (nach Dürrenmatt, Ibsen und schon einmal Giraudoux), eine neue hinzugefügt.

Vorab ein großes Lob für Berthold Blaes, den Chef der Theater-AG und dem in allem Verantwortlichen der Aufführung. Seiner unendlichen Arbeit, seinem Ideenreichtum und seiner gestalterischen Kraft und Energie, mit der er das verdienstvolle Werk seines Vorgängers Hanselmann konsequent fortsetzt, ist diese geglückte und beglückende Aufführung zu verdanken.

Zusammen mit seinen eifrigen und geschickten Mitarbeitern in Beleuchtung, Kostümierung und Maskenbildung ist es ihm gelungen, den Zuschauem den Eindruck des Besuches einer großen und bekannten Bühne zu vermitteln.

Es ist unmöglich, in diesem Rahmen auf Kunst. Fähigkeit und Eignung der einzelnen Darsteller einzugehen, es sind an die 30 Mitwirkende, die sich zu einer Gesamtleistung zusammenfanden, die höchstes Lob verdient. Dieses Schülerensemble lieferte nicht nur den Beweis.großen Einfühlungsvermögens, spielerischer Solidarität und gegenseitigen Gefühls, sondern bewies auch Geist und Fähigkeit, mit dem anspruchsvollen Stoff eines philosophierenden Dichters zurechtzukommen. Ob als Einzeldarsteller auf der "Bühne, oder im Ensemble, selbst Ansprüche, die an eine große Bühne gestellt werden können, wurden erfüllt.

Einige wenige dürfen indessen hervorgehoben werden; Die Schülerin Inga Häusler in der Hauptrolle war in Gestik und Ausdruck eine Schauspielerin. Sie, die Gräfin von Chaillot, beherrschte die Szene, ihr bloßes Erscheinungsbild bedeutete immer den Mittelpunkt der Handlung, ihre Worte waren in Tonfall und Tempo wohlgewählt und ihre angenehme Gestalt machte die Personifizierung ihrer Rolle absolut glaubhaft Eine großartige Besetzung.

Kaum standen ihr ihre Kolleginnen, die Irren aus den anderen Pariser Stadtteilen nach, und ihre geistvolle Unterhaltung zu Beginn des zweiten Aktes war ein Kabinettstück. Daria Stehl, Susanne Fabricius und Jasmin Büch waren die begabten, glaubhaften Interpreten.

Recht eindrucksvoll gestalteten der überzeugende Lumpensammler Thorsten Braun und die realistische Träumerin Ina Jäger als Irma ihre Monologe. Sie brachten Mucksmäuschenstille in den Saal und ließen aufhorchen.

Wer sind eigentlich die Irren in dieser Welt? So dachten die Zuschauer in der vollbesetzten Aula! Sind es die, welche an ihrer Heimnat hängen und die Ausbeuter verjagen? Oder die, welche Heimat und Erinnerung für einen wenig bedeutsamen Tatbestand halten? Herzlichen Dank der Theater-AG für diesen beglückenden Abend.

               WALTER HOFFMANN 

TRIERISCHER VOLKSFREUND, 19.02.1986

Konz / Trier.   Zu einem großen Erfolg wurde die Aufführung von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ durch die Theater-AG der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern (Leitung: Studienrat Berthold Blaes), die am 14. Februar im Foyer des Staatlichen Gymnasiums Konz stattfand.

Vor einem zahlreich erschienenen Publikum boten die jungen Akteure eine Leistung, die phasenweise vergessen ließ, daß man es mit Laienschauspielern zu tun hatte, im Gegenteil: die Qualität des Spiels stellte manche Stadttheaterroutine glatt in den Schatten, wobei vor allem die Darstellerin der Titelrolle, Susanne Könighaus, hervorzuheben ist. Auch die Gesamtanlage der Inszenierung überzeugte durch Schlüssigkeit, Tempo und eine Fülle glänzender Lösungen...Rauschender Beifall dankte für eine sehr überzeugende Darbietung. Fachleute zählen das Gastspiel der Schüler aus Bad Bergzabern, das unter Leitung von Studienrat Berthold Blaes stand, zu den Höhepunkten des Konzer Kulturlebens.

Giraudoux / Irre

Die Rollen

Im Café

Pierre

Die Irren

Die Rettung

Die Irren in Bza

Der Inhalt

Dramaturgie

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