Yvonne, Prinzessin von Burgund
- Die Presse -

SÜDPFALZKURIER, 01.April 1999

Bravo für “Yvonne”

Auf die Theater-AG der Kooperativen  Gesamtschule Bad Bergzabern ist Verlaß, denn wieder einmal überzeugte sie durch ihr Können: Die Premiere des - von dem bedeuten- den polnischen Autor Witold Gombrowicz geschriebenen - Schauspiels „Yvonne, Prinzessin von Burgund“ unter der Leitung von Berthold Blaes am 19.03.98 in der Aula des Gymnasiums wurde ein voller Erfolg, gelang es doch Berthold Blaes und seinen Schauspielern, das anspruchsvolle tragikomische Stück konsequent in Szene zu setzen.

Schwarz ist das Bühnenbild gehalten, passend zu einer unheilvollen Hof-Gesellschaft, welche, in Blasiertheit erstarrt, dem Publikum zunächst wie ein Wachsfigurenkabinett erscheint, um sich später hinter schwarze Fassaden zurückzuziehen, von wo aus der Innenraum scheinbar ungesehen, aber ständig präsent beobachtet, belauscht, kontrolliert wird - und von wo aus das Licht die Figuren im Innenraum als Silhouetten schemenhaft zeichnet.

Prinz Philippe, den Mario Willersinn konzentriert locker mimt, bringt Bewegung ins Spiel, indem er Basketball spielt. Die Aktualisierung  ist, man ahnt es, sehr  bezeichnend: Aus Langeweile beschließt er, sich mit der unattraktiv-absonderlichen Bürgerlichen Yvonne zu verloben, was nicht nur seine Weggefährten Cyrill und Zyprian, von Kristin Breitenbruch und Martin Beck köstlich snobistisch wiedergegeben, schockiert. Die Königsfamilie ist außer sich, willigt allerdings in die Verlobung ein, aus Furcht vor dem von Philippe angedrohten Skandal. Am Hof löst Yvonnes Erscheinen Irritationen und panikartige Haßausbrüche aus. Die Titelrolle hätte wohl kaum besser besetzt werden können: Kerstin Hötzel spielt die gerade wegen ihres geringen Sprechanteils und der Dominanz von Mimik und Gestik äußerst schwierige Rolle eindrucksvoll. Die Apathie Yvonnes provoziert die Hofgesellschaft, deren ‚Spielball‘ sie wird.

Durch ihre Abnormität enthüllt Yvonne Schwächen und Unzulänglichkeiten der Adels- gesellschaft, einem Spiegel gleichend, der im Bühnenhintergrund steht, dort, wo alle Linien, Fassaden, Ebenen zusammentreffen. Die charmanten Hofdamen (Luise Briem, Anna Hummel und Tina Schnörringer) fühlen sich durch die häßliche Prinzessin brüskiert. Der König, den Achim Stoltz souverän und selbstherrlich darstellt, sowie die von Carolin Laupsien faszinierend bizarr gespielte Königin Margarethe ertragen nicht das Andere Yvonnes und malträtieren sie unentwegt. Letztlich werden sie selbst mit fortschreitender Dauer zu Yvonnes Spielball.
 

Nur noch Brutalität ersetzt den nicht mehr vorhandenen Sinn des Lebens. Und wo bleibt das Humane? Philippe, von Yvonne geliebt, fühlt sich ungewollt abhängig, flüchtet in die Entlobung und Wiederverlobung mit der erotisch-attraktiven Isa, welche Anna Gentz verführerisch verkörpert. Bliebe noch der Yvonne geneigte und auf sein Recht auf Eifersucht hölzern-ohnmächtig pochende Innozens, den Tobias Braun überzeugend spielt (Szenenapplaus); doch auch das Ansinnen des Höflings ist letztlich nichts als grotesk. Das Lächerliche des Hofes veranschaulicht Alexander Ninnig als Valentin: Die Charge ist das Pars pro toto, das bloße Outfit!

Wie, stellt sich nun die (Hof-)Gesellschaft die Frage, kann man sich der „anomalen“ Yvonne entledigen, und zwar in einer endgültigen Weise, so daß sie einen nicht mehr beschäftigt, personifiziert sie doch den „Gewissensbiß“ schlechthin.

Der Kammerdiener (Jan Horn) geht in
dieser Rolle auf, hat die Lösung, man plant einen Mord „von oben herab“: Yvonne, die schon soviel „schlucken“ mußte, verschluckt sich an den ihr dargereichten „Karauschen“ („Es ist ein grätenreicher Fisch.“). Das vom König herrlich betonte „Ka-rrr-auschen“ drückt das Barbarische der Tat aus. Der Hof lacht, allerdings ist dieses Lachen kein aristotelisch- kathartisches, also befreiendes, sondern ein nietzscheanisches, das symbolisiert: Alles ist erlaubt! Gewalt wird „nur so“ ausgeübt als ein Mittel, die eigenen Unzulänglichkeiten zu überdecken.

 Mit dem Schlußbild schließt sich der „Reigen“, der die Denkfigur des Grotesken demonstriert, den Circulus vitiosus. Der für Licht und Ton zuständige Felix Faller, der sich als Könner seines Fachs zeigt und den auf der Bühne Agierenden in Kreativität nicht nachsteht, schafft dazu eine unwirklich anmutende Atmosphäre. Die Hofgesellschaft tanzt sich in Lüge und Abgrund auf Melodien von Schostakowitsch: Walzer – es ist ein Tanz der toten Seelen! Nicht zuletzt die Wahl dieser Musik zeigt das meisterhafte Gespür des Regisseurs Berthold Blaes für eine werkgerechte, tiefgründige Inszenierung.

Das Publikum war sichtlich beeindruckt, der Applaus rief die Akteure mehrfach auf die Bühne zurück.
Wer’s noch nicht gesehen hat, sollte die weiteren Aufführungstermine am
14. und 16. Mai, jeweils um 20 Uhr in der Aula des Gymnasiums auf keinen Fall verpassen!

                           GUNTHER ROHE

Gombrowicz/Yvonne

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