Ein Volksfeind
- Die Presse -

DIE RHEINPFALZ, 15.11.1984

Geschlossene darstellerische Leistung

.....Alle zeigten eine so geschlossene darstellerische und den Absichten des Dichters entsprechend getreue Leistung, daß kaum Wünsche offen blieben. Ein uneingeschränktes Gesamtlob . verdienen Darsteller, Regisseur und Bühnenbildner,

Mike Peters spielte den Badearzt Dr. Stockmann sehr überzeugend. Er spielte nicht nur, nein man glaubte ihm seine Worte, er stellte den um seine Vaterstadt besorgten und bemühten Menschen glaubhaft dar. Daneben seine Frau, dargestellt von Martina Mayer beziehungsweise Martina Driess, die mit liebenswert-mütterlicher Fürsorge, mit der Geste der unterstützenden, aber auch der liebevoll warnenden Gattin, ihren in seiner Auffassung mitunter leicht irregehenden Mann umgibt, eine recht angenehm- beruhigende Erscheinung im Kampfgetümmel der beiden gegensätzlichen Brüder. Peggy Weiß bot als die Tochter Petra eine überlegende, aber auch von jugendlichem Enthusiasmus getriebene Lehrerin.

Peter Stockmann, Stadtrichter und Polizeidirektor, mit seinem Bruder und Gegenspieler eine der Hauptrollen des Schauspiels, war durch Leo Faoro (am ersten Abend Jochen Steinert) ideal besetzt. Der überlegene, die Situation durchschauende und beherrschende Politiker, den insbesondere die ökonomischen Konsequenzen der Schließung der Badeanstalt, die sein von ebensolchem Verantwortungsbewußtsein getriebener Bruder im Interesse der Gesundheit der Bürger verlangt, um die Zukunft seiner Stadt fürchten lassen, bot ebenso, wie sein Bruder, wohl die beste Leistung des Abends. Seine Auftritte zeichnen immer deutlicher das Bild seines vom Volksfreund zum Volksfeind sich entwickelnden Bruders und sorgen so für die dem Stück innewohnende spannende Entwicklung.

Die weiteren Rollen wurden durch ihre Darsteller ebenfalls zu interessanten Typen. Alex Bach, der Darsteller von Frau Stockmanns Pflegevater, der mit Witz und großväterlichem Charme

fälschlicherweise den „Trick" seines Schwiegersohns durchschaut zu haben glaubt, Ina Gross (Susanne Könighaus), die als Redakteur des „Volksboten" absolut glaubhaft die zwar engagierten, aber doch journalistisch neutral reagierenden Vertreter ihres Faches boten.... Infolge jugendlicher Überzeugungsfähigkeit weniger zurückhaltend gab Silke Mattern die Redaktionsmitarbeiterin Billing, echt und wirklichkeitsgetreu, während Sven Kilian, als Buchdrucker Aslaksen, eine jeder Situation gerecht werdende, hervorragende Leistung bot. Aus geschäftlichen Gründen ist der seine Uneigennützigkeit verdächtig stark betonende Buchdrucker der jeweiligen Meinung zugetan, er spielt den von Petra als „Schlappschwanz" bezeichneten Aslaksen erfrischend lebensnah - ebenfalls eine beachtliche schauspielerische Leistung. Bleibt noch, namentlich zu nennen, Frank Bolander, der Schiffskapitän, ein braver Freund der Familie des Dr. Stockmann, eine runde abgeklärte Figur.

In der Massenszene des vierten Aktes zeigt sich das Talent des Regisseurs Berthold Blaes, der mit sicherer Hand auch eine größere Spielschar zu führen versteht. Der Auftritt der Volksmenge war überzeugend rebellierend, ohne in Turbulenz abzugleiten. Mit dem bestechend imponierenden Dialog der beiden Brüder Stockmann im zweiten Akt bildete diese Szene im Versammlungssaal Höhepunkte der in allem geglückten Aufführung.

Zur musikalischen Untermalung mit Werken von Satie, Strawinsky und Sibelius gab Berthold Blaes, der die Auswahl ungemein sachkundig und geschickt getroffen hat, im Programmzettel eine so treffende Charakterisierung, daß nichts hinzuzufügen ist. Wir möchten einen solchen Abend bald wieder erleben!

 WALTER HOFFMANN 

Ibsen/Volksfeind

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