Die Nashörner
- Die Presse -

DIE RHEINPFALZ, 08. Juni 1996

Energische Absage an jede Art von Massenwahn

Eugène Ionescos Drama „Die Nashörner“ mit der Theater-AG des Gymnasiums Bad Bergzabern in der Regie von Berthold Blaes

von unserem  Mitarbeiter  Martin Blankemeyer

1996 in Bad Bergzabern - der kleine Kanzlist Behringer verweigert die Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen. Nicht aus Überzeugung - die schlichte Unfähigkeit, die historische Dimension von Norm umzusetzen, die Illusion eines „gesunden Menschenverstands" und eine ambivalente Intoleranz treiben ihn in eine reaktionäre Trendverweigerung. Ähnlich unsympathisch ist auch die Gegenposition des gemeinen Volkes: die Unerträglichkeit eigener Schwäche, der Zwang zum Konformismus oder zur Immanenz von Reform.

Wirklichkeit in Bad Bergzabern? Ja, auch, und sicherlich nicht nur dort. Aber auch eine Aufführung der Theater-AG des Gymnasiums in der Aula der Gesamtschule am Samstagabend. Mit Eugène Ionescos Drama in drei Akten „Die Nashörner" wurde hier ein nachdenkliches, wenig optimistisches Stück auf die Bühne gebracht, das in seiner Ablehnung von Prinzipien, Werten und Zielen zu weiten Teilen nur aus seiner Zeit 1959 erklärbar ist, geprägt von der Erinnerung an den Faschismus und zu Hochzeiten des Kalten Kriegs.

Kommt der erste Akt noch lockerkomisch daher, so bereitet das Stück gegen Ende große Mühe, nicht in langatmiges Sprechtheater umzukippen. Was das einfallsreiche Bühnenbild, dumpf-wabernde sphärische Klänge und geschickte Lichteffekte gekonnt vorbereiten, gerät dann aber zur physischen Belastungsprobe für Akteure und Publikum.

Thomas Regner, der den bis zuletzt standhaften Behringer gibt, Corinna Wolber als seine Freundin Daisy, Achim Stoltz als Behringers Freund Hans, die in Doppelrollen agierenden Clarissa Herrmann und Mario Willersinn und die mit einem vor komödiantischen Talent sprühendem Kurzauftritt beteiligte Carolin Laupsien konnten vollauf zufrieden sein -sie ließen über weite Strecken vergessen, daß hier nicht ausgebildete Profis, sondern ambitionierte Schülerinnen und Schüler am Werk waren.

Berthold Blaes ist mit seiner Inszenierung eine energische Absage an jede Art von Massenwahn und fanatischer Ideenkultur gelungen. Ihm, dem die Rolle des Behringer wie auf den eigenen Leib geschrieben scheint, gebrochener Gestalt in der Ellenbogengesellschaft der Dickhäuter, ist zu seiner beständigen hervorragenden Arbeit mit der Truppe zu gratulieren. Highlight seiner Regie ist eine Szene im ersten Akt, in der an zwei Tischen mit identischen Satzfragmenten Diskussionen zu verschiedenen Themen geführt werden - hier werden von allen Spitzenleistungen gefordert.

siehe auch unter:

Buntes/Keine Angst vor Nashörnern

SÜDPFALZKURIER, 12. Juni 1996

Mauerschau kollektiver Entmenschlichung – Fragmente der Bestialität

Die Theater-AG der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern brachte unter der Leitung von Berthold Blaes am Samstag in der Aula des Gymnasiums lonescos Nashörner auf die Bühne.

Lemurenhaft winden sich bebrillte Körper über die Kante einer schrägen Rampe, ergießen sich zu Herbie Hancocks insistierender Rhythmik über eine düstere leere Bühne. Sie errichten in strenger Mechanik ein kleinstädtisches Straßencafe.

In der so entstandenen Sonntagsvormittagsidylle flaniert eine Hausfrau mit ihrem Kätzchen und geben sich zwei Freunde ein Stelldichein. Sie reden über das Leben, über ihr Menschsein; der eine raucht pflichtbewußt seine Pfeife, der andere kämpft ständig mit dem nackten Dasein: Die geistig beschränkte Selbstgenügsamkeit von Hans trifft auf die alkoholisierte Gebrochenheit seines Freundes Behringer, den Protagonisten des Stücks, dessen Tragik im Antagonismus von humanistischem Idealismus und körperlichem Zerfall besteht. Reicht Hans (komödiantisch aufgelegt Achim Stoltz) dem nachlässig gekleideten Behringer (Thomas Regner, hinreißend fahrig) zunächst eine Krawatte aus seiner reichhaltigen Kollektion in der Brusttasche - jenes sekundäre Geschlechtsmerkmal des sozialen Herdentieres -, so bezwingt sie beide im nächsten Augenblick der gleichmachende Körper beim Urinieren:" Das Leben ist immer Kampf, seufzt Hans beim Öffnen der Hose.

Immer wieder wird die vorgelebte Alltäglichkeit infiziert von deformierten Brillen, die von hinten die Rampe hinabgleiten. Dahinter liegt wohl ein Herd der Entmenschlichung, eine Arena der Nashörner: Die Hausfrau (Tina Schnörringer) stürzt kreischend die Rampe hinab auf die Bühne; ihre Katze ist von einem Nashorn zertrampelt worden.

Hier nun wird der entscheidende Impetus der Inszenierung deutlich, mit dem Berthold Blaes, der Nestor der Theaterarbeit an der Schule (13. Inszenierung!), einen Klassiker des Absurden Theaters der 50er Jahre, Eugene lonesco, mit dessen wohl bekanntestem Stück auf die Bühne bringt: Der allegorischen Figur des Nashorns, lonescos persönlicher Bildfindung für jenes Phänomen von Anpassung, Konformismus und sozialer Verrohung, setzt Blaes Fragmente menschlicher Bedrohung durch den Menschen selbst entgegen:

Die menschliche Verödung hat viele Gesichter. Sie ist tierisch-brutal und ebenso - was viel beunruhigender ist - anthropomorph. Sie ist nicht immer sichtbar, sie ist nicht eindämmbar - sie ist epidemisch.

Das seit der griechischen Tragödie bekannte Motiv der Mauerschau, das das Ungeheuerliche, Unfaßbare vor den Blicken der Zuschauer verbirgt, um diese lediglich fragmentarisch mit den katastrophalen Wirkungen zu konfrontieren, wird hier stringent und plausibel eingesetzt.

Behringer muß erleben, wie Arbeitskollegen, wie schließlich sein Freund Hans zum Nashorn wird: Er mutiert zu einer grünlich-ledernen Bestie, sein soziales Gewissen erblindet hinter der sozialen Maske der Brille. Das Erbe des Humanismus erlischt - es wird nicht von außen zertrampelt, es versiegt im Menschen selbst. Menschsein und Menschlichkeit werden aus freien Stücken abgelegt, sind demode.

Auch seine Angebetete und Geliebte, Daisy (Corinna Wolber), erliegt schließlich der Faszination der Indifferenz und verwandelt sich. Behringer, dem Alkohol verfallen, nicht den Nashörnern, ist dennoch am Ende.

Mit diesem Bild des Einsamen auf der Insel im Meer der Lemuren entläßt Berthold Blaes ein sichtlich beeindrucktes Publikum, das den nicht nur angesichts der hohen Raumtemperatur erschöpften jungen Darstellern anhaltenden Beifall zollt. Eine Ensembleleistung, die mit Spielfreude an Lebendigkeit wettmacht, was der Stücktext, leider als Schullektüre allzu oft malträtiert, im Unterricht erleidet, trägt der dem Absurden Theater immanenten Mischform aus Tragischem und Komischem in Dialogen von eindringlichem Ernst und burlesken buffo-Einschüben überzeugende Rechnung.

          Joachim Geil

siehe auch unter:

Buntes/Keine Angst vor Nashörnern

Ionesco/Nashörner

Die Rollen

Im Café

Im Büro

Bei Hans

Bei Behringer

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