Die Irre von Chaillot
(La folle de Chaillot)
- Die Inhalt -

Stück in 2 Akten
UA 19. Dezember 1945 Paris, Théatre de l’Athénée (Regie Louis Jouvet)
Deutschland: 13. Juni 1946 Zürich, Schauspielhaus (Regie: Leonard Steckel)

H a n d l u n g    

Sie kamen aus der Gosse und haben sich mit krummen Geschäften an die Schlüsselpositionen der Macht gebracht: der Präsident, der in zahlreichen Aufsichtsräten sitzt, ein Börsenmakler, der mit vielen Tricks die Aktienkurse beeinflusst, heruntergekommene Barone und ein Prospektor, Schürffachmann für Öl. In einem Pariser Restaurant besprechen sie ihren neuesten Coup – die Förderung von Erdöl mitten in Paris.

Klar, dass dafür zahlreiche alte Häuser und Kunstwerke weggesprengt werden müssen. Doch was bedeuten die schon angesichts des Geldes, das man mit Pariser Erdölaktien verdienen kann; natürliche Lebensbedingungen gelten ihnen nichts mehr. Es ist ihnen gar schon gelungen, die meisten Menschen so zu manipulieren, dass für sie nur noch Ausbeutung, Gewinn, Karriere und Macht zählen.

Ein Bombenleger ist bereits engagiert: der junge Pierre, der einmal einen ungedeckten Scheck unterzeichnete und seitdem erpressbar ist. Doch im letzten Moment schreckt der vor der Tat zurück und will Selbstmord begehen, wird aber gerettet und in jenes Lokal gebracht, in dem sich die Herren mittlerweile bedrängt fühlen von all den armen, etwas verrückten Leuten, die dort ein- und ausgehen: Der Lumpensammler, die Geschirrwäscherin Irma, das Blumenmädchen, der Straßensänger und der Jongleur. Königin des Viertels ist eine schillernde Dame, Aurelie, die Irre von Chaillot. Sie wird wegen ihrer Lebenslust, Güte, ihrer Liebenswürdigkeit und ihres Verstandes von den Menschen dieses Pariser Stadtteils verehrt und sie versteht es, Pierre wieder fürs Leben zu erwärmen. Daraufhin weiht der sie in die Pläne des skrupellosen Wirtschaftskonsortiums ein, die Aurelie zum Handeln zwingen.

Als sie von seiner Mission erfährt, beschließt sie - gemeinsam mit Constance, der „Irren von Passy“, und Gabrielle, der „Irren von Saint-Sulpice“ - sich zu wehren und Chaillot und den Rest der Welt zu retten. „Unmöglich!“, sagt Pierre, denn seine Auftraggeber hätten die Macht, das Geld und sie seien gierig. „Gierig!“, sagt Aurelie, „Dann sind sie verloren!“
 

In Abwesenheit der Beschuldigten führt sie zusammen mit ihren Freundinnen Constance, Gabrielle und Josephine eine Gerichtsverhandlung durch, die mit dem Schuldspruch endet. Die Ausbeuter sollen dorthin getrieben werden, wo sie herkommen bzw. hingehören: in die Kloaken, aus denen sie nicht mehr herausfinden. Die Gier soll für diese zur eigenen, von den „Irren” aufgestellten Falle werden.

Unter dem Vorwand, Erdöl unter ihrer Kellerbehausung entdeckt zu haben, lädt Aurelie alle Manager, Industriebosse und an dem Projekt interessierte Volks- vertreter zu sich ein. Angezogen von dem durchdringenden Petroleumgeruch verschwinden die geld- und machtgierigen Herren durch eine Falltür in dem Labyrinth der unterirdischen Kanäle. »Ihr seht, wie einfach es war. Eine vernünftige Frau genügt, damit die Verrücktheit der ganzen Welt sich an ihr die Zähne ausbeißt«, frohlockt Aurelie und feiert mit ihren Freunden den Untergang des Bösen und den Sieg der Lebensfreude.

Ü b e r   d a s   W e r k   
Giraudoux kehrt die Welt um: Die »Irren« sind die einzig Vernünftigen, die gegen die Entmenschlichung der modernen Gesellschaft aufbegehren und sich gegen das Kalkül und die Ausbeutung zusammenschließen. Wie in seinem früheren Drama »Intermezzo« (UA 1933) prangert er den rüden Materialismus einer mechanisierten Geschäftswelt an, der die einzelnen Individuen zur gleichgeschalteten Masse werden lässt.

Das Stück verzichtet zwar auf die Flucht in eine imaginäre Spielzeugwelt, zeichnet aber eine märchenhafte Wirklichkeit, in der das Gute siegt und das Böse ausnahmslos bestraft wird. Das aus dem Nachlass von Giraudoux stammende komödiantische Werk des »poetischen Theaters« wurde zwei Jahre nach seinem Tod uraufgeführt und bis heute immer wieder inszeniert.

Tilla Durieux war bis ins hohe Alter eine bezaubernde Darstellerin der Aurelie, Therese Giehse, Hermine Körner und Elisabeth Bergner souveräne Interpretinnen der Rolle.

V e r f i l m u n g e n

Die Irre von Chaillot (The Madwoman of Chaillot), Regie: Brian Forbes; Katharine Hepburne (Gräfin Arelia), Paul Henreid (General), Oskar Gomolka (Kommissar), Yul Bynner (Vorsitzender), Richard Chamberlain (Roderick);
USA, 1969

Giraudoux / Irre

Die Rollen

Die Bedrohung

Die Aufklärung

Die Gegenwehr

Die Liebe

Der Prozess

Die Erlösung

Der Inhalt

Der Autor

Dramaturgie

Presse