Die Irre von Chaillot
- Die Presse -

SÜDPFALZKURIER, 11.03. 2009

Zur Aufführung von Giraudoux “Irre von Chaillot” durch die Theater-AG am Alfred-Grosser-Schulzentrum Bad Bergzabern

 Von  Eleonore Beinghaus

    Die Abzocker werden abgestraft

BAD BERGZABERN: Theater-AG lässt in Giraudoux-Inszenierung die Machtgierigen und Entmachteten in einem Wechselspiel der IRREalität aufeinandertreffen - Noch zwei Aufführungen am Donnerstag und am Samstag.

In einer humorvoll-tiefsinnigen Inszenierung des grotesken Märchens „Die Irre von Chaillot" nach Jean Giraudoux zeigt die Theater AG am Alfred-Großer- Schulzentrum Bad Bergzabern in diesem Jahr die abgründige Welt der Abzocker. Doch die am Abgrund Lebenden setzen der geschäftigen Gier ihre Utopie vom Glück entgegen.

Bereits 1986 hatte Berthold Blaes, der in diesem Jahr mit seiner Theater-AG das 25-jährige Jubiläum feiert, das 1945 posthum uraufgeführte Giraudoux-Stück schon einmal inszeniert. Dass es nun eine neue Inszenierung erfährt, liegt wohl an der Aktualität des Stückes: „Ökologische Ausbeutung, Finanzcrash, Gier, Krise des Kapitalismus - Jean Giraudoux hat genau das schon vor sechzig Jahren in seinem Werk Die Irre von Chaillot ebenso prägnant wie poetisch und spielerisch leicht beschrieben. Und er hat die Antworten auf seine Art gegeben: mit überschäumendem Esprit, unterhaltsam und doch messerscharf sezierend und entlarvend! Aktueller geht es kaum! Fast zwingend, dieses Werk gerade jetzt aufzuführen!“, kommentiert Blaes seine Entscheidung.

Das Bühnenbild – gekonnt entworfen und aufwendig umgesetzt von Lukas Sitt und Nicholas Wood zieht den Zuschauer nicht in das erwartete Ambiente des Pariser Cafés Francis, sondern in einen schwarz-grau ausgekleideten Raum. Eine Brücke trassiert den Weg, der von der Terrasse über Treppen in die Welt der „Eingeweide der Erde“ hinunterführt. Fässer, in denen das schwarze Gold lagert, liegen überall auf der Bühne herum. So lässt sich nicht nur ein Terrassencafé mit Bistrotischen (1. Akt) und eine Kellerbehausung (2. Akt) imaginieren, sondern die Bedrohlichkeit des Erdölprojekts, welches die kleine Welt von Chaillot unter sich zu begraben droht, ist stets präsent.

In den schwarzen Anzügen spiegelt sich die Welt des schwarzen Goldes und der dunklen Kloaken, in denen die Abzocker schlussendlich untergehen. Die Welt der kleinen Leute ist ein wenig bunter.

In das Dunkel der Bühne hinein erweckt der Ruf der Liebe nicht nur die auf der Treppe schlaf-träumende Aurélie (Cleo Schröer), sondern auch die Zuschauer. Wie immer unterstreicht Berthold Blaes durch seine kongeniale Musikauswahl – Pur ti miro, das Liebesduett zwischen Kaiser Nero und Poppea aus der Monteverdi-Oper „L’incoronazione di Poppea“ von 1642, in einer brandaktuellen Version mit Christina Pluhar – seine Sicht auf das Werk. Denn eben diese Poesie, die Lebensfreude und die Liebe sind es auch, die durch die dunkle Macht des Erdöls immer wieder durchscheinen. Die Musikauswahl akzentuiert diesen Kontrast: In das ergreifende Liebesgespräch bricht sich der synkopische, fordernde Rhythmus des Tango Nuevo (Astor Piazzolla La muerte del ángel) Bahn; die Ölfässer und mit ihnen das geschäftige Spiel schwarzgewandeter Herren kommen ins Rollen.

Eine Gruppe profitgieriger Geschäftsleute, angeführt von einem korrupten Präsidenten (Ole Sasse) und begleitet von einem Prospektor (Sascha Daniel) sowie zwei Baronessen (Julia und Stephanie Stroppel) wollen die unter der Stadt Paris erkundeten Erdöllagerstätten ausbeuten, um mit Erdölaktien am Kapitalmarkt Gewinne zu machen. Zur Erlangung ihres Ziels planen sie, einen Ingenieur, der die Genehmigung ihrer Pläne behindert, durch ein Bombenattentat zu töten und dann Häuser mitten in der Stadt zu sprengen. Menschen und Kulturgüter müssen weichen, wenn es darum geht, die Eingeweide auszuweiden. Sie erpressen dazu einen jungen Mann namens Pierre (Lukas Schimpf), der durch die Unterzeichnung ungedeckter Schecks ihrer Macht ausgeliefert ist. Unter diesem Druck entschließt dieser sich zum Selbstmord, wird aber vom Retter (Heinrich Schulz) eindrucksvoll geborgen und macht so die Bekanntschaft mit der Grande Dame des Prekariats, Aurélie, der Irren von Chaillot (Cleo Schöer). Sie fordert zunächst den Polizisten (Jorit Hopp) auf, Pierre von der Schönheit des Lebens zu überzeugen, übernimmt jedoch schließlich selbst diese Aufgabe und erfährt von ihm die Pläne der Erdölbarone. Ihre Welt, ein Straßencafé in Chaillot, teilt sie mit der Tellerwäscherin Irma (Isabella Schwarz), die sich sofort in Pierre verliebt und der Kellnerin (Franziska Jenisch), dem Blumenmädchen (Merle Scheib), dem Lumpensammler (Heinrich Schulz), der Schnürsenkelverkäuferin (Kristina Eckern) und dem Straßenmädchen (Magdalena Wegmann). Aurélie: „Was steht ihr und klagt, statt zu handeln? Könnt ihr das ertragen, eine Welt, in der man nicht glücklich ist, von morgens bis abends?" fragt Aurélie diese und leitet damit den Kampf gegen die Clique der Abzocker ein. Sie versammelt ihre Freundinnen Constance (Kristina Eckern) und Gabrielle (Franziska Kimmle), beide ebenfalls als Irre ihrer Stadtviertel bekannt und Joséphine (Sarah Bissinger), und entwirft mit ihnen einen Plan zur Vereitlung des Geschäfts. Gemeinsam mit dem Lumpensammler (Heinrich Schulz) und dem Kloakenreiniger (Ole Sasse) bereiten sie das Komplott vor, das Aurélie in euphorischer Stimmung ausführt. Nacheinander schickt sie die Vertreter des Erdölprojekts in die Kloake, die diese für die Erdölquelle halten. Ein Donner kündigt von ihrem Eingeschlossen-Sein in den „Eingeweiden der Erde“. Bleibt die Frage, ob das so erlangte Glück Bestand hat. Aber da es ein Märchen ist, muss diese Frage offen bleiben.

Cleo Schröer gibt die „Irre", in steter Präsenz agierend, vorwiegend als gütige, liebevolle und lebensfreudige Dame, die ihrem verflossenen Liebhaber und ihrer gestohlenen Federboa melancholisch nachtrauert, die aber auch ihren Plan, die Geschäftemacher in die Kloaken zu bannen, kühn kalkuliert ausführt. Mit schrillem Mut zur Schrulligkeit betonen Kristina Eckern als Constance und Franziska Kimmle als Gabrielle eher das Groteske, das Umkippen von Wahn in Wirklichkeit. Kristina Eckern führt das Spiel mit mildem Wahn gekonnt vor, wenn sie mit ihrem nur in der Vorstellung existierenden Hündchen spricht. Ole Sasse verkörpert den Präsidenten überzeugend in der behäbigen Haltung eines zwar gesättigten, aber nimmersatten Geschäftemachers, der für Öl und Aktien erregbar bleibt, wenn er mit seinem Makler – ebenfalls Ole Sasse als eingespielte Tonkonserve - die Geschäftestrategie bespricht. Seine Doppelrolle als Kloakenreiniger meistert er mit Bravour, wenn er eine Zahnbürste als Kloakentrophäe aus der Tiefe seiner Gummihose fischt. Eine Prise tiefgründiger vollendet Isabella Schwarz gekonnt als Irma den ersten Akt mit dem Traummonolog der Tellerwäscherin. Heinrich Schulz kann in dieser Inszenierung gleich mehrfach auftrumpfen, komödiantisch beherzt als Retter des lebensmüden Pierre, mitreißend beschwingt als Lumpensammler. Jorit Hopp, der als jüngstes Ensemblemitglied den Polizisten spielt, lässt weder einen Zweifel an seiner staatsdienenden Rolle noch an seiner Zugehörigkeit zu den Bewohnern von Chaillot aufkommen.

Berthold Blaes hat mit seiner Inszenierung, die auf die tatkräftige Regieunterstützung von Angela Blaes und Heinrich Schulz zählen konnte, wieder einmal unter Beweis gestellt, dass Schultheater durchaus spannende Abendunterhaltung bieten kann. Alle siebzehn jugendlichen Darsteller zeigten in den durchweg anspruchsvollen Dialogen bewundernswerte Textsicherheit und Ausdrucksstärke und trugen so zum Gelingen des Theatererlebnisses bei.

Heftiger Applaus des Publikums zeigte am Samstagabend, dass das Märchen für Erwachsene in der Interpretation der Theater AG gefallen hat. Die spontane Danksagung und Gratulation durch zwanzig Ehemalige, die anlässlich der 25-jährigen Spielzeit gekommen waren, bildete einen würdevollen Rahmen für dieses Ereignis.

Infos im Internet: www.theater-ag-bza.de (bei)

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Die Rheinpfalz, 11. März 2009

Realansicht

Verrückte mit Moral

BAD BERGZABERN: Gesunder Menschenverstand gegen die kapitalistische Logik - Theater-AG spielt Giraudoux-Klassiker in zeitgenössischem Gewand


Ach, wäre es doch tatsächlich so einfach: Alle selbstsüchtigen Spekulanten einfach in der Kanalisation verschwinden zu lassen, auf dass Menschlichkeit und Lebensfreude zu ihrem Recht kämen. In Jean Giraudoux" bittersüßem und satirischem Märchen für Erwachsene, „Die Irre von Chaillot", gibt es so ein Happy-End (für die „Guten"), und die Theater-AG des Alfred-Grosser-Schulzentrums hat dieses Stück in einer bemerkenswerten Inszenierung auf die Bühnebretter der Aula gebracht.


Wie die im Flur ausgestellten Plakate belegen, hat ein früheres Ensemble der Theater-AG bereits 1987 schon einmal dieses Stück gespielt. Und die
Wiederaufnahme zeigt, dass das Stück von seiner Aktualität nichts verloren hat.


Dem regieführenden Lehrer Berthold Blaes ist es gelungen, seiner Truppe eine beachtliche Leistung abzufordern. Das gilt nicht nur für die Schauspieler, sondern auch für alle anderen Ensemble-Mitarbeiter: Lukas Sitt und Nicholas Wood, die zusammen mit der Theater-AG das karge, aber ausdrucksvolle Bühnebild geschaffen haben und in deren Händen auch die technische Leitung lag, Niklas Beinghaus und Jan Manneschmidt als Beleuchter, der zuverlässigen (aber nahezu arbeitslosen) Souffleuse Julie Popp und den Maskenbildnerinnen Angela Blaes und Lisa Vogel. Auch die wunderbaren Kostüme hatte die Theater-AG selbst entwickelt. Auf die präzisen Einsätze der Helfer hinter den Kulissen konnten sich die jungen Schauspieler immer verlassen, die allesamt brillant und souverän agierten. Und das auch in einer Krisensituation, als der kleine Polizist (Jorit Hopp) versehentlich in eine der Requisiten-Öltonnen zu stürzen drohte und von den Mitspielern geistesgegenwärtig aufgefangen wurde und von Cleo Schröer, der Hauptdarstellerin, lässig mit einem nicht zum Text gehörenden „Passen Sie nächstens besser auf" kommentiert wurde.


Schröer als Aurélie stand naturgemäß im Mittelpunkt der Inszenierung, spielte sich aber nie in Vordergrund und überzeugte mit großer Intensität, Souveränität und eindringlicher Bühnenpräsenz. Aber auch alle anderen Darsteller leisteten großartige Arbeit damit, die kuriosen Charaktere des Stücks zu interpretieren. Ole Sasse gab nicht nur den eiskalten, rücksichtslosen Präsidenten mit kaltschnäuziger Arroganz, sondern verlieh auch dem verachteten Kloakenreiniger anrührendes Profil. Heinrich Schulz als rhetorisch hochbegabter Lumpensammler konnte die arroganten Machthaber mit Leichtigkeit ad absurdum führen, als gnadenlos über Leichen gehender Prospektor überzeugte Sascha Daniel. Die Rolle des Barons war in zwei identische „Baronessen" aufgeteilt, die von Julia und Stefanie Stroppel herzlos und geradezu roboterhaft gespielt wurden. Kristina Eckern und Franziska Kimmle waren zwei wunderbar verrückte Gefährtinnen der „Irren" von Chaillot, die zusammen mit Freundin Joséphine (elegant und leidenschaftlich: Sarah Bissinger) den Untergang der Bösen inszenieren. Pierre, den verhinderten Attentäter, gab nachdenklich und zweifelnd Lukas Schimpf, der am Ende, von Aurélie sanft gedrängt, seine Liebe zum Spülmädchen Irma, der zarten, aber standhaften Isabella Schwarz findet. Viele der Darsteller - aus Platzgründen können nicht alle genannt werden - schlüpften bei Bedarf auch noch einmal schnell in andere Rollen, denen sie ebenfalls stets in hohem Maße gerecht wurden. Lebhafter Applaus dankte am Ende der leider nicht ausverkauften Premiere den Darstellern, dem Regisseur und den übrigen Mitwirkenden. (sma)

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Giraudoux / Irre

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