Viel Lärm um nichts
- Dramaturgie -

Viel Lärm um nichts

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„Viel Lärm um nichts“ - Es scheint, dass Shakespeare bereits eine künstliche Welt des Oberflächlichen und der Illusion aufs Korn genommen hat. Um wie viel stärker ist das heute zu sehen, da Vermarktung und Public Relations, Amüsement, Show und Bluff alles gelten. Seine Helden kommen aus dem Krieg zurück und vermelden "alles ok". Kaum Tote und die Prominenten noch alle am Leben". In diesem Sinne wird dann mit dem Geschlechterkampf  weitergemacht.

Wir versuchen hinter den Lärm zu lauschen, auf das existentielle Hintergrundgeräusch. Wir machen die Brüche sichtbar, verfremden die verordnete Partylaune - wenn etwa  mit Pantomime und Musik der Drahtseilakt des Lebens aufscheint, "die ganze Wahrheit" spürbar bleibt, also auch der Abgrund, über dem die Party stattfindet. Dieser Abgrund ist wahrscheinlich der eigentliche Antagonist des Dramas, das sich als Komödie gibt, während der böse Juan nur scheinbar böse und in Wahrheit bloß ein Spaßvogel ist, der auf eine perverse Art mitfeiert.

Die ganze Gesellschaft vollführt ein Ballett auf dem Seil unter dem Motto "Nur nicht in den Abgrund schauen".
                                                                                                    Berthold Blaes

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“Liebe, Verrat, Freundschaft, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, gesellschaftliche Bräuche und Verhaltensweisen – all diese Themen berührt Viel Lärm um nichts. Es zeigt eine reiche Mischung aus der Vielfalt menschlicher Beziehungen, den Unwahrscheinlich- keiten und Katastrophen des Lebens. Shakespeare präsentiert uns eine Gruppe von Menschen, die eine gemeinsame Vergangenheit teilen. Das wird offenbar, wenn Beatrice danach fragt, ob alle Männer aus dem Krieg zurückgekehrt seien. Ihre Frage deutet auf Gefühle hin, die sie selber noch nicht versteht. Sie und Benedick fühlen sich voneinander angezogen, wissen aber nicht, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen sollen.

Die Beziehung zwischen Benedick und Beatrice wird konterkariert von der traditionelleren Beziehung zwischen Hero und Claudio. Nachdem dieser aus dem Krieg zurückgekehrt ist, wünscht er sich, Hero zu heiraten. Er bittet den Prinzen, in seinem Namen um Hero anzuhalten. Er ist ein anständiger, aber auch distanzierter Liebhaber. Gleichzeitig beschwört Heros Vater Leonato seine Tochter, den väterlichen Wünschen bei der Wahl eines Mannes Folge zu leisten.

Der Zuschauer kann sich in vielen der im Stück enthaltenen Themen wiederfinden: Probleme der Liebe, familiäre Verpflichtungen und zwischenmenschliche Beziehungen spielen eine große Rolle. Gleichzeitig wird er herausgefordert in der Bewertung der Handlungen von Claudio und Don Pedro, in der Analyse der Elemente von Tragödie, Melodrama, Komödie und Farce, die alle in diesem Stück enthalten sind.”

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“Sie kommen aus dem Krieg und der ist hier der Vater aller Männer.
Bei Shakespeare ist der Krieg - wie die Liebe -, ein irreales Getändel, eine Schimäre, die uns den Kopf verdreht. Der Krieg ist für die Männer das Ein und Alles. Auch die Liebe steht unter Kriegsrecht. Und so ist die Liebe in Messina zuerst einmal die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. [...]

Das komödiantische Plänkelspiel erzählt von einer Gesellschaft aus gelangweilten Egomanen, die in rhetorischen Gefechten die Selbstinszenierung als hohe Kunst betreibt. Es ist eine oberflächliche Welt des Scheins, in der es den Figuren hauptsächlich darum geht, bella figura zu machen. Die Jungs kehren aus der Schlacht zurück und wollen jetzt mal ganz privatissimo die Sau rauslassen: Urlaub vom Krieg. [...]

Es gibt nicht viel zu lachen für die Liebespaare in William Shakespeares nihilistischer Komödie. Und doch kann eine gelungene Aufführung zum befreienden Gelächter im Publikum führen.       

Ist das nicht beleidigend für eine Frau, sich von einem Stück Dreck beherrschen zu lassen? Und einem Dreckstück Rechenschaft über ihr Leben zu schulden? Nein, ohne mich.”

Aus dem Krieg in die nächstbeste Party! Nach der gewonnenen Schlacht stürzen sich die Männer ins Amüsement - und auf die Frauen. Worum es ihnen dabei geht, wissen sie selbst nicht genau. Aus einer leeren Furcht heraus wird mit Worten scharf geschossen und das erste Opfer in diesem Spiel um das Nichts ist das, über das so viel lamentiert wird: die Liebe selbst.

An einem Ort, der für ein Fest gerüstet ist, stehen zwei Paare im Mittelpunkt von acht Intrigen. Hochzeiten werden gestiftet und verhindert, Zyniker zum Lieben und Sehnsüchtige zum Hassen gebracht. Der Wunsch danach, sich einmal wirklich gut zu unterhalten, ist der Motor aller Beteiligten, und um der Sinnlosigkeit ihres Tuns zu entkommen, wird gelärmt. Festgetümmel anstelle von Nachdenklichkeit, Wortgeplänkel anstelle von Wahrheiten. Nicht frei von Zweideutigkeiten.

Das Stück ist ein bissiger Kommentar auf die dekadente, lieblose, sinnentleerte Lebensweise einer Gesellschaft, in der der Schein wichtiger ist als die Wahrheit. Sein Titel reflektiert das Stück selbst und könnte gleichzeitig als Motto für die Anstrengungen um die Aufrechterhaltung unseres alltäglichen Maskenspiels herhalten.

Dieses Stück ist ein moderner Remix aus ernsthaften Diskursen und banalen Party-Dialogen - von ästhetischer Reflexion über zugekokstes Gelalle bis zum Stammeln des Liebesglücks. Ein Virtuosenstück der Bejahung. Der reine Chillout.”
                                                         
ZDF und Georg Soulek, Burgtheater

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“Schon der Titel der Komödie verweist auf ihr zentrales Thema: die verwirrungsstiftende Macht des Scheins, des nicht Wirklichen, sondern nur Eingebildeten oder Suggerierten. So stellt das »Nothing« des Titels im elisabethanischen Englisch ein deutliches Wortspiel mit dem ähnlich lautenden »noting« dar, das in diesem Lustspiel gelegentlich als Ausdruck des Wahrnehmens und Erkennens verwendet wird - eines Wahrnehmens und Erkennens, dessen Anfälligkeit für Täuschungen und Selbsttäuschungen auf allen Ebenen der Handlung demonstriert wird. Schein wird dabei nicht nur durch intrigante Verstellungen produziert, sondern auch durch das »self-fashioning« (S. Greenblatt) nach vorgegebenen Rollenmustern...”
                                                                                               Schabert / Kröner

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Fassade - Lärm und nichts, Schein und Sein

Franz Kafka, Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege
auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das - Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

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Aus: Georg Büchner, Woyzeck

Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sternen kam, waren's kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.

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