Lysistrate
- Inhalt -

Komödie des Aristophanes (um 445 – 385 v. Chr.); der Dichter nimmt in diesem Werk das zentrale Thema seiner Zeit auf: die Sehnsucht des athenischen Volkes nach Frieden und Beendigung des seit zwei Jahr- zehnten fast ununterbrochen tobenden Krieges mit Sparta. Freilich, die Situation hat sich gewandelt, und mit ihr die Intentionen und Möglichkeiten des Komikers. Dem Bauern Dikaiopolis war es im Jahr 425 genug, sich in einem handfesten Handel einen dreißigjährigen Privatfrieden zu verschaf- fen; der Winzer Trygaios tritt vier Jahre später bereits als Repräsentant des griechischen Volkes auf und holt in seiner burlesken Märchenreise die Friedensgöttin wieder auf die Erde (nach Athen) herunter. Weitere zehn Jahre später genügt dem Dichter weder mehr ein Privatfriede noch ein - im Bewußtsein des bevorstehenden Waffenstillstands konzipierter - Märchenfriede. Was Lysistrate, die »Heerauflöserin«, erstrebt, ist nicht mehr und nicht weniger als die von allen griechischen Städten gemeinsam bewirkte und für alle gültige, unverzügliche Durchsetzung des Friedens- schlusses. Das Verhältnis von Dichtung und historischer Wirklichkeit hat sich inzwischen diametral verkehrt: 421, als Aristophanes das phantasievoll- irreale Stück vom Frieden schrieb, war der reale Friede (der »Nikiasfrieden« von 421) beschlossene Sache; im Jahr 411 dagegen ist das Ende des Krieges in unwirklicher Ferne - der reale Friede muß auf der Bühne geschlossen werden.

 

So ist die Lysistrate, trotz der unbeschwerten Frivolität, die ihr eigen ist, zu einem der ernstesten Stücke des Autors geworden, nicht zuletzt durch die Titelheldin, der fast alles Komisch-Heitere, Burlesk-Übersteigerte oder gar Lustig-Derbe fehlt, ganz im Gegensatz zu ihren Schwestergestalten in den anderen Weiberkomödien (Thesmophoriazusen und Ekklesiazusen). Auch die Komposition unterstreicht diesen Ernst: keine Parabase, in der der Dichter von sich und seinem Wirken spricht (V. 614 bis 705 dürfte kaum ein Ersatz zu nennen sein); keine hitzig-unverschämten Attacken gegen verhaßte Politiker (die Innenpolitik bleibt überhaupt aus dem Spiel); kein Episodenreigen im zweiten Teil wie beispielsweise in Acharnern und Frieden; statt dessen eine geschlossene, auf ein einziges Thema ausgerichtete und fast in »Akten« durchkomponierte Handlung.

In der Expositionsszene (V. 1-253) wartet Lysistrate in der Nähe der Akropolis auf ihre Geschlechtsgenossinnen aus Athen und Sparta, aus Böotien, Korinth und den anderen griechischen Gauen, um ihnen einen absolut wirksamen Plan zur Beendigung des Krieges vorzutragen: Alle Frauen Griechenlands sollen so lange in den Liebesstreik treten, bis ihre Männer sich dazu bereitfinden, endlich Frieden zu machen. Die Frauen sind über solche Enthaltsamkeit alles andere als begeistert, doch Lysistrates überzeugende Argumente und das verpflichtende Beispiel der strammen Lampito aus Sparta überzeugen sie, und bei einem prallen Weinschlauch wird der Pakt beschworen (die Athenerinnen jener Zeit standen im Ruf großer Trinkfestigkeit). Der folgende Abschnitt (V. 254-705), ringförmig strukturiert, bringt die ersten Zusammenstöße mit den aufgebrachten Herren der Schöpfung. Der Chor der Männer - bramarbasierende Greise, Veteranen von Marathon (490 v. Chr.) und aus noch früheren Kriegen(!) - versucht mit Brandfackeln die von den Frauen besetzte Akropolis zu stürmen, wird aber vom Frauenchor mit einer kalten Dusche empfangen.

N icht besser ergeht es dem unter Polizeischutz anrückenden Ratsherrn, der nach heftigen Diskussionen von Lysistrate und ihren Genossinnen in Weiberkleider gesteckt wird; dem Greisenchor bleibt schließlich nur ein keifendes Rückzugsgefecht übrig. Dann aber droht dem Unternehmen aus den eigenen Reihen Gefahr (V. 706-780): Die Frauen halten es in ihrer selbstgewählten Isolation auf der Burg ohne Männer nicht mehr aus und wollen unter allerlei fadenscheinigen Vorwänden weglaufen; nur mit Hilfe eines Orakelspruchs kann Lysistrate sie noch zum Durchhalten bewegen. Dass der Erfolg greifbar nahe ist, zeigt (nach einem abermaligen Streitgesang der Chöre, V. 781-828) die vom Dichter mit Genuss und Raffinement vorgeführte Szene zwischen dem liebestollen Kinesias und der standhaft-listigen Myrrhine, die ihren Gatten mit immer keckeren Versprechungen und immer frecheren Verzögerungen bis zum Äußersten aufreizt, um ihn schließlich unverrichteter Dinge auf dem kunstvoll improvisierten Lager sitzen zu lassen (V. 829-979). Damit scheint der Bann gebrochen. Schon kommt ein erster Unterhändler aus Sparta, wo Lampitos Boykottaufruf spürbare Wirkung gezeitigt hat (V. 980-1013); in einem ersten Akt der Aussöhnung vereinen sich die streitsüchtigen Chöre der Männer und Frauen zu einem gemeinsamen Chor (V. 1014 bis 1071), und alsbald trifft aus Sparta die offizielle Gesandtschaft ein, so dass Lysistrate, unterstützt von der Göttin der Versöhnung, endlich den ersehnten Frieden stiften kann (V. 1072-1188). Ein üppiger Schmaus und ein fröhlicher Tanzreigen bilden den versöhnlichen Beschluß (V. 1189-1321).

Aristophanes hat diese straff durchlaufende Handlung durch sorgfältig abgewogene Kontraste geschickt aufgelockert. Die nicht selten von unverhüllten politischen Vernunftmaximen und politischen Mahnungen geprägten Lysistrate-Szenen, in denen sich der Dichter ohne jede poetische Distanzierung durch den Mund seiner Heldin äußert, sind jeweils »aufgefangen« durch Szenen von besonderer Ausgelassenheit. So folgen auf den Disput mit dem Ratsherrn die Ausreißer-Episode und die Myrrhine-Szene, und so mündet der feierliche Friedensschluss in den heiteren Fest- und Tanzkehraus (dessen Ende allerdings nicht ganz überliefert ist). Überhaupt bedeutet »Ernst« für Aristophanes auch hier keineswegs szenische Propagierung politischer Traktate. Dass die Lysistrate nicht in diesem Sinn missverstanden wurde, dafür sorgte schon das für den athenischen Zuschauer unübersehbare Hauptrequisit des Stückes: riesige Lederphallen, die, von den Gewändern mehr gezeigt als verhüllt, den Darstellern der Männer vor den Bäuchen baumelten und allgegenwärtig von der Not der geplagten Ehehälften Zeugnis gaben. Eine weitere Quelle der Erheiterung dürfte für das Athener Publikum auch der breite dorische Dialekt gewesen sein, mit dem die Vertreter der spartanischen Seite auftreten (die deutschen Übersetzer pflegen mit Vorliebe ins Bayerische oder Schweizerische auszuweichen).

Erfolg war dem panhellenischen Versöhnungsappell freilich trotz alledem nicht beschieden - inder Stadt, die an der Schwelle einer oligarchischen
Revolution stand, mag man andere Sorgen gehabt haben, und der Gedanke der griechischen Einheit dürfte, so richtig er war, als bare Utopie erschienen sein, als ein Komikereinfall wie Hadesfahrt und Wölkenkuckucksheim. Auch auf die Nachwelt hat die Lysistrate wenig Eindruck gemacht. Von geringen Ausnahmen abgesehen, fand man erst
seit dem 19. Jahrhundert an dem Stoff Gefallen. Doch von den zahlreichen Bühnen- und Filmbearbeitungen, die den Singspielen von Castelli (1815) und Schubert (1825) folgten, konnte keine die Eigenart des Originals adäquat nachformen - wohl nicht zuletzt deswegen, weil man der Titelheldin und ihrem Plan aus Schicklichkeitsgrün- den stets das unabdingbare Pendant nehmen musste: das frische und ungenierte Ausspielen der erotisch-lasziven Momente.
                                                                                               
aus: Kindlers Literaturlexikon

Aristophanes/Lysistrate

Rollen

Lysistrate

Die Frauen

Stratillys

Probulos/Strymodoros

Myrrhine/Kinesias

Die Männer

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