Antigone
- Die Presse -

SÜDPFALZKURIER, 15. Juni 2005

Zur Aufführung der “Lysistrate” von Aristophanes durch die Theater-AG an der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern

 Von  Thomas Jean Lehner

Jünger kann man ein antikes Stück nicht machen…

…als es die Theater-AG der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern gemacht hat.

Das meine ich im doppelten Sinn:

Die Spieler sind im 16 – 19 Jahre alt und die beiden Co-Regisseure, die sich Spielleiter Berthold Blaes an seine Seite geholt hat, Lisa Vogel und Nicholas Wood, entstammen als Ehemalige der Riege theaterbegeisterter junger Leute, die er an der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern heranbildet.

 

Das Thema des Stücks schließlich kann gar nicht alt werden: der Kampf der Geschlechter. Aristophanes stellt ihn satirisch dar: Während ihre Männer sich in andauernden kriegen die Köpfe einschlagen, schließen sich die Frauen Griechenlands zusammen und verweigern den Geschlechtsakt. Erst belustigt, dann erbost und schließlich verzweifelt müssen die Männer versprechen, die Totschlägerei sein zu lassen. Unter dieser Bedingung allein sind die Frauen – ihrerseits selbst von der selbst auferlegten Askese zermürbt – wieder zum Liebemachen bereit.

Dass Aristophanes das als politische Satire gemeint hat, geht in der Inszenierung keineswegs verloren, aber die Spielfreude der jungen Akteure, witzige Pointen und beschwingte Tanzeinlagen bescheren dem Publikum einen kurzweiligen Theaterabend ohne jede Belehrung. Es darf nicht nur, es muss gelacht werden und – was am schönsten ist: über sich selbst, d.h. darüber, dass im Krieg der Geschlechter der Frieden, wenn überhaupt möglich, nur von kurzer Dauer sein kann.

Das gesamte Ensemble agiert wie aus einem Guss. Mit erstaunlicher Sprach- und Körperbeherrschung gelingt es die Zuschauer während eineinhalb Stunden in Bann zu schlagen; sie dankten mit Beifallsstürmen und – dessen bin ich sicher: Auch der längst verblichene Aristophanes hätte seine Freude an dieser lebendigen Aufführung gehabt, die, was Frische und Spiellust betrifft, manchem, was große Bühnen bieten, überlegen sein dürfte.

                                                                                     Thomas Jean Lehner

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SÜDPFALZKURIER, 08. Juni 2005

Make sex not love

„Lysistrate“ – der griechische Grotesk-Klassiker von Aristophanes als bittere Farce

Großartige Ensembleleistung der Theater AG der
Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern

 von  Joachim Geil

Lysistrate, eine furiose Frau, Amazone und Vamp zugleich (vielschichtig, heroisch bis verletzlich: Angela Blaes), duldet nicht länger, dass die Männer Athens sich mit den Männern Spartas in einem sinnlosen Krieg die Köpfe einschlagen. Sie kennt nur zu gut die „Männerphantasien“, die um Krieg, Ehre und Frauen kreisen, und hat eine revolutionäre Idee.

Lysistrate, deren Name „Auflöserin des Heeres“ bedeutet, will genau dies tun: Sie trommelt alle Frauen Griechenlands und Spartas zusammen und erklärt ihre Idee: sexuelle Verweigerung gegenüber den Männern, bis sie zur Vernunft kommen. Und zur Vernunft kommen heißt natürlich, den Krieg beenden. Eine solche Revolution bedeutet die komplette Aushöhlung des vom Mann geschaffenen Systems und bedeutet: Krieg! Zumindest wollen die Männer die Akropolis, auf die sich die revoltierenden Frauen zurückgezogen haben, stürmen. Wäre doch gelacht! Aber weit gefehlt: Die Frauen bleiben nicht nur standhaft, sondern auch überlegen.

Doch dann schwächeln die ersten. Sie reden von ihren Pflichten, meinen aber das Eine, eben nicht Liebe, sondern Sex. Da gibt Peitho (Lea Walter) vor, ihren Flachs „hecheln“, Timäa (Julia Kattlun) ihre Wolle „spreizen“ zu müssen. Und es wird klar, man muss sich einig werden mit den Männern, denn ohne geht es auch nicht.

Und so sind die Höhepunkte der Inszenierung die Szenen der Konspiration und Konfrontation, des gewaltsamen und subtilen Geschlechterkampfes. Hier zeigt sich nicht nur die wie gewohnt präzise Regiearbeit von Berthold Blaes, sondern auch das erstaunlich sichere Timing der jungen SchauspielerInnen. Mit einem Feuerwerk an Einfällen und Details wurde die Szene gestaltet, in der Myrrhine (verführerisch: Julia Köller) ihrem – nennen wir es gnädigerweise – ‚liebestollen’ Mann Kinesias (hilflos triebgesteuert: Eric Sasse) ein Schäferstündchen vorgaukelt. Immer wieder unterbricht sie das bevorstehende Vorspiel und macht ihn heißer und heißer. Blind vor Liebe (das alte Mittel der Augenbinde wird hier zum witzigen Symbol) „erwacht“ er schließlich: und sie ist weg. Sowas! Auch später wird nicht an Frivolität gespart: Da müssen die Männer kapitulieren, weil sie durch Dauererektionen körperlich und psychisch deformiert sind. Demoralisiert sind sie von Anfang an. Nicht liebeshungrig sind sie, sondern sexgesteuert.

Das Bühnenbild von Lisa Vogel, Lukas Sitt und Nicholas Wood besticht durch eine wohltuende funktionale Reduktion. Auf das Spielgerüst, das mit sparsamen Treppenläufen und zeichenhaften Stoffbahnen die Handlung unterstreicht, setzen gezielte Lichtstimmungen (Lukas Sitt, Nico Schmidt, Tobias Daum) genaue dramatische Akzente.

So rutscht die immer wieder mit präzisem Slapstick garnierte Aufführung nie ab in den Klamauk, sondern wird zur sarkastischen Abrechnung mit den triebgesteuerten und machthungrigen beiden (stimmt, mehr gibt es ja gar nicht) Geschlechtern, und das in aller Deutlichkeit. Denn wenn es nicht um die Ehre geht, weswegen schlagen sich dann die Männer die Köpfe ein? Wegen der Frauen natürlich.

Die seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder im Sinne von „Make love not war“ inszenierte Kriegssatire (uraufgeführt 411 v. Chr.!) bekommt hier eine finstere Note: So endet der von hohem Tempo, ausgeprägter Spielfreude und mitreißendem Ensemblespiel getragene Theaterabend mit der bitteren Erkenntnis: „Make sex not love“. Und wohin führt das über kurz oder lang? Zum Krieg...

Der Star des Abends: das Ensemble, mit: Angela Blaes (Lysistrate), Carina Thamerus (Kalonike), Julia Köller (Myrrhine), Julia Kattlun (Timäa, Lampito, Kritylla), Lea Walter (Peitho), Sarah Merabet (Leäne, Pamphile, Kalike), Johanna Dormann (Glyke, Stratillys), Sarah Schlimmer (Mika, Rhodippe), Eric Sasse (Ratsherr), Jan Kliewer (Erster Polizist, Herold, Pilurgos), Ole Sasse (Zweiter Polizist, Agis, Drakes), Johannes Berger (Bupalos, Laches), Ludwig Berger (Strymodoros).

Anhaltender Beifall war die mehr als verdiente Belohnung, mehr Publikum würde der einzig nennenswerten Theaterveranstaltung, die Bad Bergzabern geblieben ist, gut anstehen.

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Die Rheinpfalz, 08. Juni 2005

Testosteron-Vergiftung macht Krieger friedlich

BAD BERGZABERN: Junge Schauspieler der Theater-AG geraten bei griechischer Komödie samt Publikum außer Rand und Band

Beim Zeus, war das ein Schauspiel! Sturköpfige Kriegsherren und rebellisches Weibervolk. Kleinlaut um Liebe winselnde Ehemänner und sich trotzig verweigernde Gattinnen. Frivole Gesten, anzügliche Bemerkungen, wilde Tanzeinlagen. Ausnahmezustand in der Aula der Kooperativen Gesamtschule. Verursacht durch die Theater AG, die unter Regie von Berthold Blaes am Donnerstag, Samstag und mit der griechischen Komödie „Lysistrate" auftrat. Morgen und am kommenden Samstag geht das Stück noch einmal über die Bühne.

In der Komödie, die Aristophanes 411 vor Christus schrieb, geht um die Wiederherstellung des Friedens zwischen Sparta und Athen, initiiert durch Lysistrate, die sich mit den Spartanerinnen verbündet, um mit weiblichen Waffen den Krieg zu beenden.


Schon künden dumpfe Trommelwirbel das Nahen der Kämpfer an. Von zwei Seiten erstürmen sie die Bühne, schlagen mit hölzernen Spießen aufeinander ein, zurück bleibt ein mit Leichen übersätes Schlachtfeld. Stumm stehen die Griechinnen auf der Empore, schwarz gewandet, wie versteinert blicken sie voller Trauer auf den Kriegsschauplatz herab.

Spartanisch ist das ganz in rauchgrau gehaltene Bühnenbild, Stufen führen zu einer mit cremefarbenen Vorhängen verhüllten Empore. Die Idee hierzu stammt von Lisa Vogel, Lukas Sitt und Nicholas Wood haben die Kulissen gezimmert.

Das sinnlose Blutvergießen muss ein Ende haben, beschließt die Athenerin Lysistrate, gespielt von der 17-jährigen Angela Blaes. Sie ruft die Frauen von Athen und Sparta zusammen, um mit diesen einen Pakt zu schließen. „Das Schicksal Griechenlands liegt in unserer Hand", beschwört Lysistrate ihre Mitschwestern. „Wir wollen mit weiblicher List und Tücke dafür sorgen, dass kein Mann mehr Kriege führt."

Um das zu erreichen, sollen sich die Frauen ihren Ehemännern und Geliebten so lange verweigern, bis diese bereit sind, mit dem Feind Frieden zu schließen. Zunächst geben sich die Frauen ablehnend. „Lieber barfuß auf den Olymp klettern, als den Männern entsagen!" ruft eine Schöne entsetzt aus. Doch Lysistrates unbeugsamer Überzeugungskraft und wortreicher Argumentation kann keine Paroli bieten. Und so schwören die Frauen auf Knien ihren heiligen Eid: „Göttlicher Friede, wohl gesinnt den Frauen, wir bringen flehentlich dir dies Opfer dar. Nie soll Geliebter oder Ehemann in meinem Bette liegen neben mir." Gemeinsam erstürmen die Rebellinnen die Akropolis, verschanzen sich dort und bringen die Kriegskasse in ihre Gewalt.


Wutschnaubend machen sich die Athener auf, wild entschlossen, die alte, patriarchalische Weltordnung wieder herzustellen und die Frauen notfalls an den Haaren an den heimischen Herd zurück zu schleifen. Aber weit gefehlt. Die Frauen bieten all ihren Mut und ihre Schlagkraft auf, um die Mannen mit Nudelholz, Teppichklopfer, Besen und Wasser zu verjagen.

Mit Bravour meistert die junge Theatertruppe die turbulenten Szenen „Vor solchen Furien zittert selbst der Teufel!" ruft ein gedemütigter Krieger aus. Doch während die Frauen feiern und sich an ihrer eigenen Kühnheit berauschen, darben in Sparta und Athen kleinmütige Ehemänner auf ihrer einsamen Schlafstatt vor erloschenem Herdfeuer.

Ein grandioser Höhepunkt der Theateraufführung ist der Versuch des Atheners Kinesias (Eric Sasse), sich heimlich zu einem Schäferstündchen mit seiner Frau Myrrhine (Julia Köller) zu schleichen. In einer herausragenden komödiantischen Leistung zieht Sasse alias Kinesias alle Register der Verführungskunst, um seine Ehefrau zu becircen. Mal mimt er den griechischen Gigolo mit einer roten Rose zwischen den Zähnen, mal wirbt er mit vollem Körpereinsatz um die Liebe von „Myrrhilein". Doch die Angebetete gibt nur zum Schein die Kokette, räkelt sich in lasziven Posen - und lässt den Gatten schließlich eiskalt abblitzen. Schmachtend und verwirrt bleibt Kinesias zurück.

Da nahen im Schutze der Dunkelheit Gesandte der feindlichen Spartaner, um Athen den Frieden anzubieten. Es bleibt wohl kein Auge im Zuschauerraum trocken, wenn Herold (Jan Kliewer) und Unterhändler (Ole Sasse) dem Feind ob ihres spartanischen Liebeslebens ihr Leid klagen. So schlimm ist die Testosteron-Vergiftung, dass sich die beiden nur noch in gebückter Haltung und in weite, schwarze Umhänge gehüllt, fortbewegen können.

Eines steht fest: So, wie die Sache steht, kann es nicht weitergehen. Deshalb treffen sich die Führer aller Griechenstämme und schließen Frieden. Beim furiosen Finale mit Musik, Bauchtanz und Sirtaki bricht sich dann die Anspannung der jungen Theaterkünstler Bahn und sie tanzen unter dem Beifall der Zuschauer ausgelassen über die Bühne.

„Im antiken Athen war das Betrachten von Schauspielen Bürgerpflicht", sagte Schulleiter Schulleiter Hans-Joachim Lillig am Schluss der Vorstellung. Das sollte man in Bad Bergzabern vielleicht auch einführen. (ovi)

Quelle:
Publikation: DIE RHEINPFALZ
Regionalausgabe: Pfälzer Tageblatt
Datum: Nr.130
Datum: Mittwoch, den 08. Juni 2005

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Realansicht

Rheinpfalz-Artikel zur Hauptdarstellerin der “Lysistrate”-Aufführung
vom 01.Juni 2005

Angela Blaes

Aristophanes/Lysistrate

Rollen

Lysistrate

Die Frauen

Stratillys

Probulos/Strymodoros

Myrrhine/Kinesias

Die Männer

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Dramaturgie

Presse

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