Der Arzt wider Willen
- Die Presse -

DIE RHEINPFALZ, 15.März 1997

Molière und die Motorsäge

Theater-AG amüsiert mit dem „Arzt wider Willen“

... – die Theater-AG ließ den komödiantischen Perlen in Molières „Arzt wider Willen“ freien Lauf.

In sich immer freier entfaltender Spiellaune würdigte die vive Truppe den Witz und die Komik des Wegbereiters der Comédie française, dieses gallischen Interpreten der italienischen Commedia dell’arte, in einer Weise, Daß Molière sich zu bedanken gehabt hätte, nicht zuletzt für die Treue zum inneren Wesen seines Stücks, die die Inszenierung von Berthold Blaes wahrt.

Wenn da auch einmal die Motorsäge kräftig surrt und zusammen mit der eingespielten Musik eine akustische Mitträgerschaft übernimmt, wenn Sganarelle, der sich vom Holzfäller zum „Arzt wider Willen“ wandelt, auf die Armbanduhr blickt, oder wenn Madame Géronte weinköniginnenhaft einen Riesenpokal vor sich herträgt: Politische Aktualisierungen, wie sie etwa in Anspielung auf das Gesundheitswesen verführerisch nahegelegen hätten, hat man sich versagt und dem Dichter gelassen, was des Dichters ist.

Genug, daß der zwangsweise zum Doktor geprügelte Sganarelle einen Mechanikerkasten mit dem Roten Kreuz mit sich herumschleppt oder ein Saumagen, in Wein getaucht, zu den von ihm empfohlenen Rezepturen gehört: Es ist ein Spiel mit Anachronismen, das sich in einer im Moment verblüffenden Attitüde auszahlt.

Das Ensemble: “Arzt” Achim Stoltz, Carolin Laupsien, Kertin Hötzel, Anna Hummel, Jan Horn, Tina Schnörringer, Anna Gentz, Mario Willersinn, Eva Müller

Zur Klasse der Komödie tritt die Klasse der Laienschauspieler. Natürlich läuft alles, auch die Bewunderung – sowohl auf der Bühne als auch im Saal – auf die Hauptfigur zu, mit der Achim Stoltz sprachliche wie mimische Standfestigkeit beweist. Auch Tina Schnörringer (in zwei Rollen, als Martine und als Clothilde) hält kräftig mit und erweist sich, zusammen mit Anna Hummel als Madame Géronte, als darstellerische Stütze, auf deren Tragfähigkeit auch das weitere Ensemble aufbaut. Eva Müller als Lucinde und Jan Horn als ihr Geliebter Léandre, Anna Gentz als Madame Robert (und als Clothildes Tochter Claudette), Kertsin Hötzel als Valérie, Mario Willersinn als Lucas und Caroline Laupsien als seine Frau Jaqueline.

Auch eine stumme Rolle darf man nicht übersehen, die des zu gregorianischen Gesängen wie in Anbetung lautlos vor sich hinwabernden Misthaufens im Zentrum der Szene.

So konnte man amüsiert miterleben, wie „alle großen Geister ihren Spleen haben“, ohne sich fragen zu müssen, ob man sich „vielleicht selber irrt“.    (hd)

SÜDPFALZKURIER, 19.März 1997

Vorsicht Waldarbeiter!

Molières Arzt wider Willen in der Aula

Auch an einem Bauernhof ist höfische Musik zu hören, besonders dann, wenn die Weinkönigin (majestätisch Anna Hummel) mit einem riesigen Weinpokal Einzug hält. Ihre stumme Tochter (Eva Müller) soll von einem Arzt kuriert werden, der sie statt mit medizinischen Instrumenten mit Hammer und Säge traktiert, denn - wie könnte es im Pfälzer Wald anders sein - er ist in Wirklichkeit Holzfäller. Seine rachsüchtige Frau Martine (hinreißend schrill Tina Schnörringer) hat ihm mit einer Finte die Arztrolle aufgedrängt, in der er nun allerlei Turbulenzen verursacht.

Eine Stunde absolute Kurzweil mit einer Fülle genialer Einfälle garantierte die Theater-AG mit der Inszenierung ihres langjährigen Leiters Berthold Blaes, der auch im schwierigsten Theaterfach, dem der Komödie, seit vielen Jahren mit Esprit und übersprudelndem Witz heimisch ist. 

 Molière wurde zum einen rasant "eingepfälzert", zum anderen zu neuem Leben erweckt, zwischen Holz und Hof, zwischen Motorsäge und Misthaufen. Die Schauspieler, allen voran Achim Stoltz in der Titelrolle des Sganarelle, boten an drei wundervollen Theaterabenden pralle Komik vom Feinsten. Neben ihm brillierten Carolin Laupsien als verführerische Amme Jaqueline, Anna Gentz in einer Doppelrolle als schüchterne Nachbarin und hilfesuchende Tochter Claudette sowie Tina Schnörringer, die in versierter Wandlungsfähigkeit als zweite Rolle Claudettes Mutter Clothilde gab. Bleiben noch zu nennen das Dienerpaar Lucas und Valérie, die mit Dienstbeflissenheit bis zum äußersten gingen, burlesk angelegt von Mario Willersinn und Kerstin Hötzel, sowie der jugendliche Liebhaber Jan Horn.

JOACHIM GEIL

Molière/Arzt

Die Rollen

Streiten

Flirten

”Kurieren”

Der Inhalt

Dramaturgie

Die Presse