Kabale und Liebe
- Der Brief -

Luise (Angela Blaes) :
    “Wo meine Eltern
     bleiben?...
     Es ist das schauernde
     Gaukelspiel des
     erhitzten Geblüts -
     Hat unsere Seele nur
     einmal Entsetzen
     genug in sich
     getrunken, so wird
     das Aug in jedem
     Winkel Gespenster
     sehn.”

Fotos: Thorsten Keesser

Wurm (Ludwig Berger rechts ) :
         “Guten Abend, Jungfer.”
Luise (Angela Blaes):
         “Gott! wer spricht da?
           (Sie dreht sich um, wird den
           Sekretär gewahr)
Schrecklich!
            Meiner ängstlichen Ahn-
           dung eilt schon die unglück-
           selige Erfüllung nach...
           Wo ist mein Vater?”
Wurm:
          “Wo er nicht gern ist.”
Luise:
         “Um Gottes Willen! Mich
           befällt eine üble Ahndung.
           Wo ist mein Vater?
Wurm:
          “Im Turm, wenn Sie es
            wissen wollen.”
Luise 
(mit einem Blick zum Himmel) :
           “Das noch! - Und Ferdinand? Wurm:”Wählt Lady Milford oder
            Fluch und Enterbung.”

Luise: “Entsetzliche Freiheit! - und doch - doch ist er glücklicher. Er hat keinen Vater zu verlieren... - Wo ist meine Mutter?”

Wurm:“Im Spinnhaus.”
Luise: “Jetzt ist es völlig... Du
           treibst ein trauriges Hand-
           werk, wobei du ohnmöglich
           selig werden kannst.
           Unglückliche machen ist
           schon schrecklich genug,
           aber grässlich ist’s,
           es ihnen zu verkündigen,
           ihn vorzusingen
           den Eulengesang, wenn
           das blutende Herz
           am eisernen Schaft der
           Notwendigkeit zittert,
           und Christen an Gott
           zweifeln!
           Und wüde dir jeder
           Angsttropfe, den du
           fallen siehst, mit einer
           Tonne Gold aufgewogen -
           ich möchte nicht du sein. -
           Was kann noch geschehen?
Wurm:“Fragen Sie nichts mehr.”

Fotos: Tobias Reinmuth

Luise: “Höre Mensch! Du gingst
           beim Henker zur Schule...
           Wie verstündest du sonst,
           das Eisen erst
           langsam-bedächtlich
           an den knirschenden
           Gelenken hinaufzuführen,
           und das zuckende Herz
           mit dem Streich der
           Erbarmung zu necken?
           Welches Schicksal wartet
           auf meinen Vater? -
           Es ist Tod in dem,
           was du lachend sagst,
           wie mag das aussehen,
           was du an dich hälst?
           Sprich es aus?”
Wurm:“Gericht um Leben
           und Tod... - Wohin wollen
           Sie? - Zum Herzog?”
(lacht)

Luise: ”Ich weiß, worüber Sie
          lachen -  aber ich will ja
          auch kein Erbarmen dort
          finden - Gott bewahre mich!
          nur Ekel! - Ekel nur an
          meinem Geschrei.
          Man hat mir gesagt, dass
          die Großen der Welt noch
          nicht belehrt sind,
          was Elend ist - nicht wollen
          belehrt sein. Ich will ihm
          sagen, was Elend ist - will es
          ihm vormalen in allen
          Verzerrungen des Todes,
          was Elend ist - will es ihm
          vorheulen in Mark und Bein
          zermalmenden Tönen, was
          Elend ist...”

Foto: Thorsten Keesser

Wurm (Ludwig Berger) bei der ziel- strebigen Verfolgung seiner Intrige:

Mit der Drohung für Leib und Leben der Eltern erpresst er Luise (Angela Blaes), einen von ihm diktierten Brief zu schreiben, dessen kompromitierender Inhalt dazu führen muss, dass sich Ferdinand von ihr abwendet. Gerichtet ist der Brief, so Wurm, “an den Henker ihres Vaters” , in Wahrheit an den Hofmarschall von Kalb.  Angesichts der aussichtslosen Lage bleibt der ver-

zweifelten Luise keine andere Möglichkeit als der Erpressung nachzugeben. Ein von Wurm erzwungener Eid, den Brief “für einen freiwilligen zu erkennen”, bindet Luise; sie muss Stillschwei- gen bewahren.

Luise: “Was soll ich schreiben? An
             wen soll ich schreiben?”
Wurm: “An den Henker Ihres
             Vaters.”...
Luise:  “Macht, was Ihr wollt. Ich
             schreibe das nimmermehr.”
Wurm: “Wie Sie wollen, Mademoi-
             selle. Das steht ganz in
             Ihrem Belieben.”

Luise:  “Belieben, sagen Sie? In meinem Belieben? - Geh! hänge einen Unglücklichen über dem Abgrund der Hölle aus, bitt
             ihn um etwas, und lästre Gott, und frag ihn,ob’s ihm beliebe? - O du weißt allzu gut, dass unser Herz an natürlichen
             trieben so fest als an Ketten liegt - Nunmehr ist alles gleich. Diktieren Sie weiter. Ich weiche der überlistenden Hölle.”

Fotos: Tobias Reinmuth

Wurm: “O nein doch! Verzagen sie nicht...Ich habe herzliches Mitleid mit
           Ihnen. Vielleicht - wer weiß? - Ich könnte mich wohl über gewisse
           Dinge hinwegsetzen - Wahrlich! bei Gott! Ich habe Mitleid mit Ihnen.”

Luise: “Reden Sie nicht aus, mein Herr. Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu wünschen.”
Wurm
(im Begriff ihre Hand zu küssen) :”Gesetzt, es wäre diese niedliche Hand - Wieso liebe Jungfer?”
Luise
(groß und schrecklich) : “Weil ich dich in der Brautnacht erdrosselte, und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten ließe?...”

Schiller/Kabale

Rollen

Die Utopie

Die Bedrohung

Die Intrige

Lady Milford

Der Brief

Der Verrat

Die Farce

Das Scheitern

Der Tod

Inhalt

Autor

Dramaturgie

Presse