Kabale und Liebe
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Friedrich von Schiller (Gemälde von Jakob Friedrich Weckherlin. Um 1780)

Warum Schiller?...
Warum “Kabale und Liebe”?...


Sowohl den Autor wie auch dieses Werk hat die Theater-AG seit etwa drei Jahren in ihr Blickfeld gerückt! Sicherlich hat jüngst die “szenische Annäherung an Schillers ‘Wilhelm Tell’” im Rahmen der Bad Bergzaberner Buchlese mit dazu beigetragen, sich an den klassischen Autor heranzuwagen.

Was uns fesselt, ist zunächst der Autor selbst: seine - in der schonungslosen Entlarvung der ungerechten herrschenden Verhältnisse sich manifestierende - jugendlich-revolutionäre Haltung und sein Anspruchniveau in der sprachlichen und dramatischen Gestaltung menschlicher Grundkonflikte.
Nach der antiken Tragödie “Antigone” 2004 bedeutet unsere Entscheidung eine weitere Stufe
schauspielerischer Herausforderung.

Uns fasziniert aber auch die inszenatorische Herausforderung, den tragischen Konflikt im Sinne
des Werkes, also behutsam, nicht modisch zu aktualisieren, den Sinngehalt nicht auf die vordergründige und geschichtlich überholte Stände-Problematik zu reduzieren, sondern die
zeitlos gültigen menschlich-individuellen und gesellschaftlichen Dimensionen dieses tragischen Konflikts zu dramatisieren.

“Das Geweb ist satanisch fein”, so beschreibt der Präsident die Intrige und drückt seine von Erfolgsgewissheit getragene Vorfreude auf die Zerstörung der Liebe zweier Menschen aus, der Liebe zwischen seinem Sohn Ferdinand und der bürgerlichen Luise Miller, weil diese Liebe gegen die Interessen der Herrschenden verstößt.

Heute mag die Liebe zwischen (zwei) Menschen in übertragenem Sinn durchaus immer noch auf ähnliche Widerstände stoßen, aber viel umfassender und schlimmer, weil subtiler und kaum mehr bewusst wahrnehmbar, ist das moderne “satanische Geweb” gesellschaftlicher Faktoren, das einer wirklichen Selbstbestimmtheit des Menschen und der “grenzenlosen” Liebe immer noch im Weg steht: ein gesellschaftliches, ökonomisches System, das die Beziehungsfähigkeit der Menschen weitgehend auf die Images und Klischees einer konsumgeprägten Werbewelt lenkt und verengt, eine so geprägte Kultur, die den Menschen sich selbst entfremden und im Narzismus erstarren lässt, die den Wert eines Partners in dem Sinne bemisst, wie er den vorgegebenen Mustern entspricht.

Die von Schiller noch aus der verklärten bürgerlichen Moral abgeleitete Idee  individualbestimmter, grenzenloser, wahrhaftiger Liebe hat es heute, im modernen bürgerlichen Zeitalter, schwer, sich gegen den Trend, gegen die mittlerweile degenerierten Normen der bürgerlichen Gesellschaft, gegen die
(vor-)herrschenden Interessen,  durchzusetzen - wenn sie es denn überhaupt schaffen kann.

Unsere Inszenierung versucht, jenen schmerzvollen Kontrast zwischen  dem uralten Bedürfnis des Menschen nach selbst- / grenzenloser wahrhaftiger Liebe und der Realität einer von gesellschaftlichen Faktoren eingeschränkten, entfremdeten, zu echter Liebe unfähigen menschlichen Natur vor Augen zu führen und erlebbar zu machen.
                                                                                                               
Berthold Blaes

Aus: Bertolt Brecht »Der gute Mensch von Sezuan«

Shen Te zum Publikum:
Ich will mit dem gehen, den ich liebe.
Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.
Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.
Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.
Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

Aus: Erich Fromm, Die Kunst des Liebens

Die meisten Menschen sehen in dem Problem des Liebens in erster Linie das Problem, selbst geliebt zu werden, und nicht so sehr das Problem des Liebens, der eigenen Fähigkeit zu lieben.
Unsere ganze Kultur basiert auf der Kauflust, auf der Vorstellung eines für beide Seiten günstigen Austausches. Das Glück des modernen Menschen liegt in dem Vergnügen, sich die Schaufenster anzusehen und das zu kaufen, das zu kaufen er sich leisten kann...

Er sieht die Mitmenschen in ganz ähnlicher Weise an. Für den Mann ist ein attraktives Mädchen, für die Frau ist ein attraktiver Mann das, was man sucht. “Attraktiv” bedeutet ein nettes Bündel von Eigenschaften, die beliebt und auf dem Persönlichkeitsmarkt gefragt sind das Objekt soll aber nicht nur vom Standpunkt des gesellschaftlichen Wertes erstrebenswert sein, sondern mich zu gleicher Zeit ebenfalls haben wollen...

In einer Kultur, in der der kaufmännische Sinn vorherrscht gibt es eigentlich keinen Grund davon überrascht zu sein, dass die menschlichen Liebensbeziehungen den gleichen Grundzügen folgen, die den Waren- und den Arbeitsmarkt beherrschen...”..
 

Sieben Thesen zu »Kabale und Liebe«

1. Schiller zeigt hoffnungsvolle junge Leute in einer Zeit großer Hoffnungslosigkeit. Die, in diesem Fall der Adel, sind unfähig, die Gesellschaft zu regieren und ihr eine Perspektive zu geben. Das Bürgertum entwickelt Selbstbewusstsein, aber es hat noch nicht die Macht.

2. Luise Miller und Major von Walter setzen alle Kraft und Hoffnungen in ihre Liebe zueinander. Ihr gemeinsamer Aufschwung bringt ihnen kurzes Glück und lässt sie auf die Grenzen stoßen, die der Verwirklichung des einzelnen im aufgeklärten Absolutismus gesetzt waren.

Die Liebenden reagieren verschieden: Ferdinand ist bereit, die gesell- schaftlichen Schranken, die seines Standes, zu durchbrechen;
Luise als Mädchen und bürgerliches Mädchen kann und will sich diese Selbständigkeit nicht nehmen. Sie widersetzt sich den Fluchtplänen Ferdinands.

3. Der Sekretär Wurm gehört ebenfalls zu den Liebenden in diesem Stück: Sein Mittel zum Glück wird die Kabale, als er feststellt, dass der Major ihn ausstach bei dem Mädel seiner Wahl. Sein Aufstieg Richtung Hof hat ihn heimatlos gemacht; sein Einstieg in die Intrige macht ihn kurz erfolgreich.

Zu spät bemerkt er, dass sein Anschlag auf die Luise Millerin sich gegen ihn selbst richtet.

4. Lady Milford will ihre adligen Privilegien nutzen, um ihre Bedürfnisse nach Liebe und Menschlichkeit durchzusetzen. Eine Heirat mit dem Major von Walter soll ihr Leben als Kurtisane beenden. Ferdinand lehnt ab. Die Enttäuschung überwindet die Lady erst in der Begegnung mit dem Bürgermädchen: Luises vermeintlicher großzügiger Verzicht bewegt sie zum Aufbruch aus dem Sumpf von Politik und Korruption. Sie als einzige und einzelne überschreitet Grenzen zu einem ungewissen, aber neuen Leben.

5. Adel und Bürgertum verhindern die Verbindung von Ferdinand und Luise. Gewaltsam reißen sie die Liebenden auseinander: der Präsident, weil ihm die Affäre nicht in die politische Karriere passt; Vater Miller, weil er Leben und Moral der (Klein-)Bürger abgrenzen will gegen Despotis- mus und Korruption des Adels.

6. Schiller zeigt neben den äußeren Hindernissen die inneren. In solch barbarischer Zeit haben die Verliebten in sich selber Schwierigkeiten, eine Liebe zu entwickeln, die den Partner auch erkennt. Ferdinands Bekenntnisse gehen oft über Luise hinweg: Luise reklamiert Ferdinand erst fürs Leben im Jenseits. Beide sind so sehr Kinder ihrer Zeit, dass sie die Vernichtung ihrer Liebe und ihres Lebens selber besorgen.

7. Was zu diesem Liebestod führt, können wir nicht abtun als Krankheit der Jugend. Ferdinands Sturm und Drang zielt gegen die Väter, die Verhinderer seines Glücks. Schillers Stück richtet sich gegen die verkommene Gesellschaftsform, die ihren Mitgliedern das Leben (und Sterben!) verbietet.

Ferdinands Protest ist nicht in der Lage, konkrete Pläne für eine neue Gesellschaft zu entwerfen. Schillers Stück - wenige Jahre vor der Französischen Revolution - sagt, wie notwendig es ist, Utopien zu entwickeln. Das totale Scheitern menschlicher Ansprüche zeigend, behauptet es deren Richtigkeit und Berechtigung.
                                                                                                       
Joachim Johannsen

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