Kabale und Liebe
- Die Presse -

SÜDPFALZKURIER, 22.03. 2006

Zur Aufführung Von Schillers “Kabale und Liebe” durch die Theater-AG an der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern

 Von  Thomas Jean Lehner

Liebe – das ist die Revolution …

… die Revolution im Sinne des Make Love Not War. Wer hätte das gedacht, dass bereits der alte (damals zornige, jüngere) Schiller diese Botschaft verkündet hat!

Kabale – das sind die Lügen und Leichen im Keller, die die Mächtigen so viel wie Dreck am Stecken haben – Liebe, das ist der Glaube an eine andere Macht, die gesellschaftliche Schranken überwindet und zu der Utopie von Freiheit und Gleichheit findet.

 

Selten hat man die Botschaft so eindrücklich inszeniert gesehen wie von der Theater-AG der Kooperativen Gesamtschule Bad Bergzabern.

Dank einer erstaunlichen Mannschaftsleistung unter „Coach“ Berthold Blaes mit seinen „Co-Trainern“ Lisa Vogel und Nicholas Wood kommt Schillers Revolutionsidee als beinahe 3-stündiges Drama über die Rampe, ohne dass die Spannung je nachlässt. Musik (Piazzolla und Vivaldi) und Bühnenbild wie aus einem Guss. Unglaublich, wie die Schüler, in der Mitte das blonde Traumpaar Luise (Angela Blaes) und Ferdinand (Eric Sasse), den schwierigen klassischen Text sprachlich meistern, so dass er transparent wird und tief anrührt. Nach jeder Szene brandet Beifall auf, doch der Schluss-Apotheose wohnte das Publikum in betroffenem Schweigen bei. Erst als das Licht erlischt, sich Dunkel über das im Tod vereinte Paar senkt – Standing Ovations von über 400 Zuschauern in der Aula.

Gewiss hat Schiller die unmögliche Liebe zwischen Bürgermädchen und dem Adligenprozess in den irdischen Tod führen müssen, doch nachdem der Vorhang gefallen ist, ersteht die Utopie von Liebe, Glaube, Hoffnung dank der eindringlichen Inszenierung, dank eindringlichen Spiels der Akteure wieder auf.

                                                                          Thomas Jean Lehner

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Die Rheinpfalz, 15. März 2006

Wenn Liebe für Intrigen anfällig wird

BAD BERGZABERN: Theater-AG des Gymnasiums spielt Friedrich Schillers „Kabale und Liebe" in zeitgemäßer Form

von Axel Stolper
 

Liebe macht blind. Stimmt, aber nicht jede Spielart davon, würde Friedrich Schiller antworten. In seinem Drama „Kabale und Liebe" verkörpern Luise Miller und Ferdinand von Walter ein nicht nur vom gesellschaftlichen Stand her ungleiches Paar. Berthold Blaes" hat den Sturm-und-Drang-Klassikers von 1783 mit der Theater-AG des Gymnasiums inszeniert. Entstanden ist die zeitgemäße Analyse davon, wie äußere und innere Widerstände gegen eine Liebesbeziehung auf verhängnisvolle Weise ineinander greifen können.

Im ersten Akt ist bei ausgefuchsten Dramatikern wie Schiller der spätere Konflikt schon angelegt: Auch ohne den Einfluss der Kabale (Intrige), die Ferdinands Nebenbuhler Wurm (Ludwig Berger) mit dem Präsidenten von Walter später entspinnen wird, ist dessen Sohn Ferdinand (Eric Sasse) schnell misstrauisch, wenn seine Luise einmal Bedenken hat: „Mein Herz ist das gestrige, ist"s auch das deine noch?". Bei ihr „zerschmilzt meine Vernunft", gesteht er.
Doch sie, die darum nicht weniger liebt, sieht sich einer höheren Vernunft weiterhin verpflichtet, die Ferdinand ihr als „Klugheit neben deiner Liebe" vorwirft. Nur so kann sie Ferdinand im Diesseits entsagen, um sich mit ihm an einem „Dritten Ort" zu vereinen - dem Grab, das gleichzeitig der Himmel ist. Das mag auf den ersten Blick kleinbürgerlich beschränkt aussehen. Aber sie ist in ihrer auf ein Jenseits bezogenen Innerlichkeit selbständiger als ihr Vater, der nur die sichere Begrenztheit seines Bürgerstandes nicht durchbrechen will. Luise ahnt früh, dass der machthungrige Präsident (Nicholas Wood), der den herzoglichen Landesvater kontrolliert, mit seinem Sohn mehr vor hat. Bestechlich ist sie aus Verantwortung für ihre Eltern, die von Walter willkürlich ins Gefängnis werfen ließ. „Und hättest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe?", mahnt sie den Geliebten.

Doch Ferdinand hasst alle Zwänge, will alle seine Standesvorteile über Bord werfen und seine Liebe verabsolutieren. „Gefahren werden meine Luise nur reizender machen". Seine Schwüre bleiben jedoch Lippenbekenntnisse - allzu schnell ist er bereit auf den raffiniert gefälschten, aber vollkommen absurden Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb hereinzufallen und seine Geliebte zu verdammen und letztlich wie sich selbst zu vergiften. Verzicht ist ihm auch in der Liebe fremd. Narzissmus ist die andere Seite der Begriffe Herz, Gefühl, Feuer, mit denen die Kraftfiguren des Sturm und Drang das gesellschaftliche Korsett, dass sie meist ihren Vätern zuschreiben, sprengen wollen.

Seiner Verneinung der Väterwelt kann Ferdinand keinen neuen Entwurf entgegenstellen. Böse gesagt: Er ist ein verwöhntes Früchtchen, für den der Vater Karriere und Vermögen sichert. Von Beruf Sohn. Leichtfertig stellt er alles auf Spiel, allenfalls das macht ihn groß und tief. Nur leider findet seine ichbezogene Zuneigung nicht den Weg zur realen Luise, lieber schwärmt er vom „Riesengebäude meiner Liebe". In seiner fordernden Art bleibt er aber stets seinem hohen gesellschaftlichen Rang als adliger Offizier verpflichtet. In „Kabale und Liebe" ist der Bösewicht nicht nur eine Figur der Außenwelt, sondern auch ein Dämon in der Brust der Liebenden. Die Tragik des Stücks entsteht daher aus dem Widerstreit von Neigung und Pflicht.

Besonders Angela Blaes und Eric Sasse als Liebespaar überzeugten durch ihr einfühlsames Spiel, zwischen vertrautem Liebesgeflüster und heftigen Gefühlsaufwallungen. Beeindruckend ist auch der von Nicholas Wood De-Niro-haft verkörperte aalglatte Präsident. Diese Rollen ließen zeitweise vergessen, dass es sich hier um Schülertheater handelt.

Und dass dem bürgerlichen Trauerspiel auch etwas komische Farbe zu Gesicht steht, bewiesen die schwankhaften Zänkereien des Ehepaars Miller (Heinrich Schulz und Sarah Merabet), und vor allem Ole Sasse in einer Paraderolle als naiver Paradiesvogel Hofmarschall von Kalb.

Berthold Blaes" über dreistündige Inszenierung mit einer Pause leistete sich so keinen Durchhänger. Das Bühnenbild von Lukas Sitt und Nicholas Wood ist asketisch-funktional, schafft aber dezent die jeweilige Atmosphäre, ohne sich mit modernistischen Gags zu verselbständigen. Regisseur Blaes wollte das Zeitlos-Gültige des Stückes herausschälen. Den historisch überholten Ständekonflikt des 18. Jahrhunderts, der Grundlage der „Kabale"-Handlung ist, hat er daher in seiner Inszenierung etwas zurückgedrängt. Seinem Rotstift zum Opfer gefallen sind daher Szenen wie die Begegnung zwischen Lady Milford (Johanna Dormann) und einem Kammerdiener und ihre Auseinandersetzungen mit der Zofe (Sarah Schlimmer). So wird die Rolle der Milford konsequent auf den Kontrast zu Luise zurückgestutzt.

Die Schüler-Inszenierung zeigt mit erschreckender Eindringlichkeit die Gültigkeit von Schillers Seelen-Analyse - dass das Pendeln zwischen Rollenzwang, Ellenbogenmentalität und Selbstverwirklichungswahn unfähig machen kann zur Liebe. Blind wird hier eine Liebe wie die Ferdinands, die nur aufs eigene Herzklopfen horcht, sehend aber die, die wie Luises aus sittlicher Verantwortung und aus der Wahrnehmung des anderen beruht. Hier ist der Stürmer und Dränger Schiller schon ein wenig der spätere Klassiker. Eine solche Liebe kann kein „Wurm" madig machen, könnte das Fazit des Stücks lauten. Doch das ist leicht gesagt, Herr Schiller...


AUFFÜHRUNGEN
Morgen, Donnerstag, 16. März und Samstag 18. März, jeweils um 20 Uhr in der Aula des Gymnasiums

Wer den Stoff tiefer durchdringen möchte, wird auf der Internetseite www.theater-ag-bza.de, mit einer guten und übersichtlichen Auswahl an Hintergrundmaterial bedient.

Realansicht

Schiller/Kabale

Rollen

Die Utopie

Die Bedrohung

Die Intrige

Lady Milford

Der Brief

Der Verrat

Die Farce

Das Scheitern

Der Tod

Inhalt

Autor

Dramaturgie

Presse