Der gute Mensch von Sezuan
- Dramaturgie -

Brecht/Sezuan

Die Rollen

Shen Te

Shui Ta

Wa(h)re Liebe

Ausbeutung

Suche nach Shen Te

Offenbarung

Inhalt

Autor

Dramaturgie

Presse

Dramaturgie

Literarhist. Kontext

Deutungsansätze

Soziokultureller Kontext

„Reicher Mann und armer Mann standen da
  und sah'n sich an.
  Und der Arme sagte bleich:
  Wär' ich nicht arm, wärst du nicht reich.”
                                                                  
Bertolt Brecht

Carolin Losch, Dramaturgin des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, im Gespräch mit der Regisseurin Esther Hattenbach und Jan Knopf, dem Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht an der Universität Karlsruhe und Mitherausgeber der Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke Brechts:

Februar 2007

Das Stück heißt im Untertitel „Ein Parabelstück“. Was ist damit gemeint?

Knopf: Ein Parabelstück entwickelt ein Modell, vergleichbar mit einem naturwissenschaftlichen Experiment. Die Parabel muss ein komplexes Geschehen vereinfachen und ein Ergebnis liefern. Man hat Brecht immer den Vorwurf gemacht, er mache Lehrtheater, das stimmt aber nicht: Er entwirft eine Versuchsanordnung und überprüft, ob sie funktioniert. Das Besondere an diesem Werk besteht darin, dass das Modell durch ,Theater auf dem Theater' entwickelt wird.

Was bedeutet dieses Modellhafte für die Inszenierung?

Hattenbach: Die Götter stellen Shen Te eine Aufgabe, nämlich „gut" zu handeln. Shen Te ist zuerst nicht bereit, die Götter aufzunehmen, denn sie erwartet einen Freier, sie ist also gar nicht so gutherzig, wie immer behauptet wird. Die Ausgangsfrage des Experimentes lautet: Kann ein Mensch, der das Gebot befolgt, nur gut zu handeln, menschenwürdig existieren? Und an der Figur Shen Te wird vorgeführt, dass das nicht möglich ist. Die anderen Figuren kann man als Prüfungen begreifen, ihr Verhalten ist nicht einfach als parasitär abzutun, sondern sie erfüllen eine Funktion.

Was bedeuten die drei Götter?

Knopf: Eine heruntergekommene Instanz. Sie sind nicht im traditionellen Sinne Götter. Sie vertreten sehr verschiedene Interessen, zeigen sehr menschliche Wirkungen auf der Erde und sind verantwortungslos. Wenn man davon ausgeht, dass Götter eine moralische Instanz darstellen, so wird diese im Laufe des Stückes geschleift und als Lüge entlarvt. Die Götter greifen bereits zu Beginn aktiv in das Experiment ein, obwohl sie eigentlich nur beobachten dürfen. Das Geldgeschenk an Shen Te kann man als Hurenlohn missdeuten, denn sie haben die Nacht bei einer Prostituierten verbracht. Shen Te könnte bereits am ersten Tag nicht in Güte existieren, wenn sie nicht die Möglichkeit hätte, den Tabakladen zu eröffnen.

Hattenbach: Die Frage, wie man es schafft, innerhalb seines Handlungsrahmens verantwortungsvoll zu leben, wird in verschiedenen Variationen vorgeführt. Man sieht einerseits, dass Shen Te keine Bitte abschlagen kann. Auf der anderen Seite haben wir die achtköpfige Familie oder die Witwe Shin, die überhaupt nicht an die Zukunft denken. Eine Überlegung wie die der Nachhaltigkeit taucht gar nicht auf, was ja auch verständlich ist, wenn man um das tägliche Überleben kämpft. Die Götter werden als verkommene Existenzen vorgeführt, um im Zuschauer einen Gedanken der Selbstermächtigung hervorzurufen. Eins ist sicher: Diese Götter werden die Probleme nicht lösen.

Als Shen Te sich in Shui Tu verwandelt, entwickelt sie sich zum skrupellosen Ausbeuter. Das ist eine Provokation.

Knopf: Natürlich. Das Interessante ist, dass die Figur des Shui Ta auf der Bühne mit theatralischen Mitteln erfunden wird. Die Idee, einen Vetter zu erfinden, wird Shen Te durch ein Mitglied der achtköpfigen Familie souffliert. Shen Te, die bisher am Rande der Gesellschaft gelebt hat und ihr Opfer war, wird jetzt plötzlich an den gesellschaftlichen Verhältnissen beteiligt. Um diese Rolle gut zu spielen, muss sie am Ende der beste Mann werden. Der Wendepunkt tritt ein, als sie vom Flieger Sun ein Kind erwartet. Sie beobachtet, wie ein Kind in einer Mülltonne nach etwas Essbarem wühlt, und dieses Schicksal will sie ihrem Kind ersparen. Sie sagt sich: Jetzt werde ich zum Tiger, aber nur als Mann kann sie diese Rolle in der Gesellschaft durchsetzen. Die Soziologie arbeitet ja auch mit dem Rollenbegriff, und wir wissen, dass gerade bei Geschäftsleuten das Auftreten nach außen oft wichtiger ist als die Persönlichkeit.

Sie haben einmal gesagt, „Her gute Mensch von Sezuan" sei eines Ihrer Lieblingsstücke von Brecht. Warum?

Knopf: Weil diese sehr verbindliche, ernste Geschichte mit Mitteln erzählt wird, die aus der commedia dell'arte stammen. Alle Figuren spielen ganz offen ihre Rollen, und es gibt sehr witzige Szenen. Theatralische Mittel, die sonst versteckt werden, werden ganz offen vorgeführt, beispielsweise die Verwandlung von Shen Te in Shui Ta. Sie singt erst ein Lied, dann nimmt sie eine männliche Stimme an, probiert erste Schritte usw. Immer wieder wird die Fiktion gezeigt. Auch die Flucht der Götter ist sehr komisch und eine Umkehrung des Auftritts des „deus ex machina" in der Tragödie. Dort kommt am Schluss ein Gott, der die verwickelten menschlichen Konflikte auflöst, hier schweben die Götter auf einer rosa Wolke gen Himmel und sagen: Richtet eure Sachen selbst.

Wie sind deine Erfahrungen mit dem Komödiantischen auf den Proben?

Hattenbach: Ich stimme in der Theorie zu, dass es viele Komödienmittel gibt, aber das Stück entwickelt nicht die Geschwindigkeit, die eine Komödie ausmacht. Ich finde, dass Brecht durch die Art und Weise, wie die Figuren sprechen, sehr entschleunigt, weil sie immer von einem Satz zum nächsten denken. In einem Satz steckt oft das ganze Ziel und Wollen der Figur, das Sprechen ist das Handeln. Ich mag die Verlorenheit und Einsamkeit, die dadurch entsteht, das hat eine eigene Form von Poesie.

Das Stück spielt in einem fiktiven China. Was hat dieser Aspekt zu bedeuten?

Knopf: Eigentlich nicht anderes, als das Modell so klar wie möglich zu strukturieren und die Fiktion zu betonen. Es werden keine direkten Bezüge zu zeitgenössischen Geschehnissen hergestellt. Wahrscheinlich wollte Brecht direkte Parallelen vermeiden, früher hat man „Verfremdung" dazu gesagt. Brecht hat ja diese Chinoiserien immer sehr gemocht und sich viel mit chinesischer Philosophie beschäftigt.

Der Schluss des Stückes gehört inzwischen zum allgemeinen Bildungsgut, spätestens seitdem Marcel Reich-Ranicki zwei Zeilen davon als Schlusswort des „Literarischen Quartetts" eingeführt hat: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Die Geschichte endet ja eigentlich traurig. Wie wirst du mit dem Schluss umgehen?

Hattenbach: Shen Te ist an ihrer Aufgabe, gut zu sein, gescheitert. Eine Antwort steht nicht zur Verfügung. Der Staffelstab wird an das Publikum weitergegeben. Das heißt ja, dass es Hoffnung gibt, die Hoffnung liegt in uns. Bei Brecht heißt es: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! / Es muß ein guter da sein, muss, muß, muß!"

Knopf: Es gibt zwei Aspekte: Erstens weigert sich Brecht, eine Utopie auf der Bühne zu entwerfen. Man spricht immer wieder von der Utopie bei Brecht, aber ich finde sie nicht, nirgendwo. Sicherlich hatte Brecht Hoffnungen, dass die Verhältnisse nicht so bleiben, wie sie im Stück scheiternd vorgeführt werden, aber das steht auf einem anderen Blatt. Interessant ist, dass fast alle Brecht'schen Figuren scheitern. Die Courage scheitert, der Galilei, die Mutter, die heilige Johanna, der Eduard - alle scheitern, außer Frau Carrar, die am Ende als Kämpferin in den Spanienkrieg aufbricht. Es gibt also keine Utopie, die auf der Bühne entwickelt wird. Das sehe ich ein bisschen in Parallele zur Marx'sehen Philosophie, die ja gerade keine Wettanschauung ist, sondern die Theorie einer möglichen Praxis. Die herrschenden Verhältnisse werden untersucht bis an den Punkt, wo die Praxis eingreifen muss. Und die Theorie hat nichts anderes zu tun, als diese Praxis vorzubereiten. Aber nicht in dem Sinne, dass man den Arbeitern sagt, wo es langgeht, sondern die Marxsche Philosophie trägt dazu bei, bei den Arbeitern ein Bewusstsein zu entwickeln, dass sie selbsttätig werden. Am Schluss dieses Stückes wird gezeigt, dass diese Gesellschaft nicht funktioniert, ein solidarisches Zusammenleben scheint unmöglich, alle bescheißen sich von vorne bis hinten. Es findet ja in Wirklichkeit keine Verhandlung über Güte an sich statt, sondern über die Defekte des Zusammenlebens. Der Konflikt wird auf einen Höhepunkt getrieben, und als Zuschauer sage ich mir dann, irgendwas muss jetzt passieren. Diese Aufforderung wird an das Publikum weitergegeben: Sucht euch selber einen Schluss, aber ihr müsst ihn in der Realität suchen, auf der Bühne kann ich ihn euch nicht bieten. Das wäre mein Verständnis dieses Schlusses.

Dramaturgie

Literarhist. Kontext

Deutungsansätze

Soziokultureller Kontext

Brecht/Sezuan

Die Rollen

Shen Te

Shui Ta

Wa(h)re Liebe

Ausbeutung

Suche nach Shen Te

Offenbarung

Inhalt

Autor

Dramaturgie

Presse