Der gute Mensch von Sezuan
- Die Presse -

Brecht/Sezuan

Die Rollen

Shen Te

Shui Ta

Wa(h)re Liebe

Ausbeutung

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Offenbarung

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Autor

Dramaturgie

Presse

Die Rheinpfalz, 15. März 2007

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Geschäftemachen verdirbt den Charakter

BAD BERGZABERN: Bertolt Brechts “Der gute Mensch von Sezuan” in der Inszenierung der Theater-AG des Gymnasiums

von Axel Stolper
 

Herz und Kommerz, das passt nicht gut zusammen. Brecht hat vor über 60 Jahren aus dieser Einsicht ein Theaterstück gemacht, den „Guten Menschen von Sezuan". Die Theater AG des Gymnasiums Bad Bergzabern zeigt dieses ultra-aktuelle Werk in einer bilderreichen Inszenierung in der Aula.


Die Schlüsselszene zeigt die Silhouette der Hauptfigur Shen Te (Angela Blaes) hinter einer Schattenwand. Zögernd nimmt sie Anzug und Hut vom Kleiderständer. Sie verwandelt sich in Shui Ta. Nur einmal noch, glaubt sie. Diesen hartherzigen aber geschäftstüchtigen „Vetter" hat sich die gutmütige ehemalige Prostituierte aus ihrer Not heraus erfunden. In dieser Rolle will sie sich Schmarotzer und Ausbeuter vom Halse schaffen.


Solche Probleme sind neu für die ehemals Besitzlose Hure aus der chinesischen Provinz Sezuan. Auf einmal hatte sie mehr Geld, als sie gerade zum Leben braucht. Drei durchreisende Götter hatten es ihr als Lohn für ihre Güte zugesteckt. Das investiert sie in einen Tabakladen, wird Geschäftsfrau, wird bürgerlich. Wenn ihr nur nicht immer wieder ihre fürsorgliche und selbstlose Art dazwischenfunken würde!


Die Schizophrenie, die Brecht der bürgerlichen Daseinsweise attestiert, erfährt Shen Te am krassesten in der Liebe zu dem arbeitslosen Flieger Yang Sun (Eric Sasse). Sie möchte ihm alles geben, ihr Geld, ihren Laden - nur damit er eine Anstellung bekommt. Ökonomisch gesehen ist das leichtsinnig. Shui Ta muss wieder her!


Und als die langsam Vereinsamende ein Kind erwartet, beschließt sie, zu dessen Wohl jetzt erst recht rücksichtslos zu sein.


Vetter Shui Ta vertritt sie bald immer öfter, bis den Mitmenschen in Sezuan die Abwesenheit seiner Nichte schließlich verdächtig erscheint. Der mittlerweile erfolgreiche Geschäftsführer einer Tabak-Fabrik wird unter Vorsitz der Götter wegen Mordes angeklagt. Da lüftet Shen Te das Geheimnis ihrer Doppelrolle.


Das offene Ende des Stückes ist seit dem Literarischen Quartett Kult: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Bei aller unerbittlichen Gesellschafts-Analyse lässt das Stück auch poetische Momente aufblitzen. So geht die Liebesszene zwischen Shen Te und Yang Sun unter die Haut. Doch kann solches Glück im kapitalistischen Sezuan natürlich nicht von großer Dauer sein. Humanität und Liebe bleiben auf der Strecke. Zwischenmenschliche Beziehungen werden durch ökonomische verdorben, ja ersetzt. Wer den einen helfen will, muss dafür andere ausbeuten. Bei Brecht sind alle Schichten davon verseucht, die Kleinen wie die Großen. Nur bei den Sensibleren, wie Shen Te, bleibt ein gewisses Unbehagen am Geldverdienen zurück.


Angela Blaes gelingt der schwierige darstellerische Spagat zwischen Herzens-Frau und Business-Man äußerst überzeugend. Passend dazu agiert Eric Sasse als Yang Sun mit einer Mischung aus Leidenschaft und Schmierigkeit. Köstliche Karikaturen liefern die drei versnobten chinesischen Götter (Cleo Schröer/Alexander Staudt/Steffen Kolberg), die als „erleuchtete" Edeltouristen nach guten Menschen suchen, damit sie ja nicht die Welt verbessern müssen. In der Nebenhandlung arbeitet Heinrich Schulz den Wasserverkäufer Wang mit tragikomischen und schlitzohrigen Zügen markant heraus.


Regisseur Bertold Blaes stellte auch wieder sein Händchen dafür unter Beweis, auch die Nebenfiguren passend zu besetzen. So bieten Shen Tes gewinnsüchtige Vermieterin Mi Tzü (Johanna Dormann), Frau Yang (Katharina Baagt), der Schreiner Lin To und der Barbier Shu Fu (Ludwig Berger), der Polizist (Johannes Berger), die Witwe Shin (Sarah Merabet), die Teppichhändlerin (Julia Schlosser) und andere Kleinrollen Typen mit Profil. Auf Regie-Gags und Winke mit dem Zaunpfahl verzichtet die Theater-AG indessen. Blaes weiß: Das hat das zeitlose Stück nicht nötig.


Die Bergzaberner zeigen mit dem „Guten Menschen" einen „klassischen" Brecht mit allem was beim Epischen Theater an Verfremdungseffekten dazugehört: Songs, Publikumsansprachen, einer Bühnenrampe im Zuschauerraum bis hin zu Textprojektionen. Wirkungsvoll ist nicht nur das wandelbare Bühnenbild aus Spiegelfolie und Leinwand, sondern auch die sensible Musik- und Lichtregie (Lucas Sitt/Peter Scheydt/Clemens Schmidt).

So wird aus der über dreistündigen Aufführung mit einer Pause ein Theaterabend, der auf unterhaltsame Weise viele Denkanstöße gibt. (stax)

Donnerstag, 15. März und Samstag, 17. März, jeweils um 20 Uhr in der Aula des Gymnasiums

StOLPEA


Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Pfälzer Tageblatt - Ausgabe Weinstraße
Ausgabe: Nr.56
Datum: Mittwoch, den 07. März 2007
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SÜDPFALZKURIER, 21.03. 2007

Zur Aufführung von Brechts ”Der gute Mensch von Sezuan” durch die Theater-AG am Alfred-Grosser-Schulzentrum Bad Bergzabern

 Von  Thomas Jean Lehner

    Der gute und der böse Mensch von Sezuan

    Ein Theaterabend, der geistig erfrischt

    Soll noch jemand sagen, dass die Jugend sich nicht für moralische Fragen interessiert! Unter der gestylten Oberfläche der Spaßgesell- schaft scheint es zu brodeln: Kann man sozial, human und aufrichtig sein in einer verlogenen Gesellschaft, die die Tugend dem persönlichen Vorteil opfert? Man kann. Aber nur um den Preis der Persönlichkeitsspaltung: Die eine Hälfte des Menschen muss erbarmungslos böse und schlecht sein, damit die andere Hälfte gut bleiben kann.

    Die Lösung, die Brecht fand, hat die jungen Schauspieler der Theater-AG des Alfred-Grosser-Gymnasiums Bad Bergzabern so fasziniert, dass sie – gegen die Bedenken ihres Lehrers und Regisseurs Berthold Blaes –  Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ auswählten, um das moralische Dilemma auf die Bühne zu bringen. Diese Bühne bezieht die Zuschauer ein, sodass kein Raum zum Ausweichen vor dieser Gewissensfrage bleibt. Das Spiel der Körper und Stimmen erzeugt eine dramatische Spannung, der sich über drei Stunden niemand entziehen kann. Eine Live-Percussion hämmert brutale Akzente, die den „guten Menschen“ ins Schwanken und Taumeln und schließlich ganz zu Fall bringen. Dieser Fall stürzt den moralischen Imperativ der „Götter“ ins Reich der Unmöglichkeit, denn kein Mensch kann ihn einlösen, ohne dabei zugrunde zu gehen.

    Man darf bezweifeln, ob die Worte des Dichters allein eine solche Wirkung hätten ohne diese rhythmische Inszenierung, die sie unter die Haut treibt (Manchmal weiß sich das Publikum nicht anders aus der Spannung zu helfen als durch offenen Szenenapplaus).

    Die beachtliche Leistung des jungen Ensembles wird noch übertroffen von der Hauptdarstellerin, die zwei grundverschiedenen Menschenbildern folgen und gleichzeitig das musikalisch-poetische Leitmotiv durchhalten muss, das die verschiedenen Stimmen zusammenfasst. Wie der frischgebackenen Abiturientin Angela Blaes dieses „Timing“ gelingt, lässt sich nur mit jener instinktiven Sicherheit erklären, die besondere Begabungen auszeichnet.

    Ein Theaterabend, der zugleich nachdenklich macht und geistig erfrischt!

                                                                    Thomas Jean Lehner

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Die Rheinpfalz, 29. Juni 2006

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Klug durchdachte Inszenierung

Bergzaberner Alfred-Grosser-Gymnasium spielt Bert Brecht


Starken Tobak mutete die Theater-AG des Alfred-Grosser-Gymnasiums aus Bad Bergzabern sich und ihrem Publikum am Mittwochabend bei den Schultheatertagen zu. Die Schüler präsentierten Bert Brechts sozialkritische Parabel „Der gute Mensch von Sezuan" auf darstellerisch erstklassigem Niveau.


In den Blickpunkt des Lehrstücks rückt die wohltätige Prostituierte Shen Te. Als Einzige ist sie bereit, den drei Göttern auf ihrer Suche nach einem guten Menschen Quartier zu gewähren. Zum Dank erhält Shen Te ein kleines Entgelt, das sie in den Kauf eines Tabakladens investiert. Schnell finden sich Schmarotzer, die an ihrem neuen Wohlstand teilhaben wollen. Shen Te kann nicht nein sagen und teilt großzügig mit den Armen. Bald wird der Druck zu groß, weiß sich die junge Frau nicht anders zu helfen, als in der Doppelrolle ihres Vetters Shui Ta mit harter Hand durchzugreifen.

Die Situation verkompliziert sich, denn Shen Te verliebt sich in den arbeitslosen Flieger Yang Sun. Sie setzt viel aufs Spiel, um ihm zu einer neuen Stelle zu verhelfen. Doch Yang Sun entpuppt sich als keinen Deut besser als die anderen. Getreu dem Motto „Erst das Fressen, dann die Moral" ist auch der junge Mann sich selbst der Nächste. Shen Te bleibt nur noch, vollständig in die Rolle des unbarmherzigen Vetters zu schlüpfen. Da wird ihr vorgeworfen, am merkwürdigen Verschwinden Shen Tes beteiligt zu sein...


In schonungslosen Bildern führt Brecht uns vor, dass diese Gesellschaft nicht funktionieren kann. Hass, Neid und Korruption geben im imaginären Sezuan die Spielregeln vor. Selbst wer gut bleiben will, kann es nicht. Brechts Parabel hat auch über 60 Jahre nach ihrem Entstehen an Durchschlagskraft nichts eingebüßt.


Dass man als Zuschauer betroffen zurückbleibt, ist an diesem Abend auch der klug durchdachten Inszenierung zu verdanken. Minimalistisch ist das Bühnenbild: silbrige, kalte und glatte Stellwände, die die Unmenschlichkeit widerspiegeln. Aggressives Trommelgewirbel im Hintergrund und melancholische Pianoklänge verstärken den bedrohlichen Sog.


Dazwischen agieren die jungen Schauspieler mit einer Abgeklärtheit, die dem gehaltvollen Brechttext vollends Rechnung trägt. Steffen Kolberg, Cleo Schröer und Alexander Staudt sind die Götter in feinem Zwirn. Das Elend ändern sie nicht, blättern stattdessen gelangweilt in der Zeitung und einem Trendmagazin und schießen Fotos.


Eric Sasse verleiht dem Flieger Yang Sun scharfkantige Züge zwischen zartem Gefühl und brutalem Eigennutz. Präzise und eindringlich spielen auch die anderen Darsteller, die meisten in mehreren Rollen.


Größte Aufmerksamkeit gilt freilich Angela Blaes, die als Shen Te respektive Shui Ta das Stück fast alleine tragen kann. Wenn sie verzweifelt direkt ins Publikum spricht, wird jeder Satz anklagendes Manifest im Kleinen. Ein Entrinnen ist nicht möglich. So lässt die Inszenierung die Zuschauer nicht außen vor. „Soll es ein andrer Mensch sein oder eine andere Welt? Vielleicht nur andere Götter? Oder keine?" Diese Fragen muss sich jeder selbst beantworten. (nhh)

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