Siebtens: Stiehl ein bisschen weniger!
- Dramaturgie -

Dario Fo/ Siebtens

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Dario Fo:

DIE WIRKLICHKEIT IST EXTREMER ALS JEDE FARCE


Terz: Die Rechte formiert sich nicht nur in Österreich und Deutschland, sondern auch in Italien ...

Dario Fo: ... die Rechten sind dabei, zurückzukommen.

Terz: Merken Sie das in Ihrer täglichen Arbeit?

Dario Fo: Sagen wir, wir haben eine lange Erfahrung mit der Democrazia Italiana, die die Rechte war, da gibt´s nichts. Wir haben sie jahrelang ertragen, es gab zwei Lager: Auf der einen Seite waren die kommunistische und die sozialistische Partei, auf der anderen Seite waren alle rechts gerichteten Regierungsparteien - auch, wenn sie sagten, sie seien aus der Mitte.
Was passiert heute? Jetzt existiert eine größere Vermischung, weil es eine rechte Mitte, bestehend aus Mitgliedern der Democrazia Cristiana, Faschisten, Leuten, die früher die Sozialisten wählten, gibt. Auf der anderen Seite sind Mitglieder der Democrazia Italiana (lacht), Sozialisten. Es gibt keine Klarheit.
Verstehst du, damals wusstest du wenigstens, mit wem du es zu tun hattest: Du kamst nach Bergamo und in Bergamo wusste man, dass man hier nicht auftreten konnte. Du kamst einfach nicht auf die Bühne, ebensowenig wie in Brescia und in Vicenza.

Terz: Weil die Leute etwas dagegen hatten?

Dario Fo: Weil es die Stadt nicht erlaubt hat ... Die Theater, die zur Gemeinde gehörten, gaben dir einfach nicht die Erlaubnis, zu spielen. Dann war da der Bischof, der Kardinal ... . Uns haben sie so viele Aufführungen blockiert, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Sie lassen uns sogar heute noch manchmal nicht auftreten.

Terz: Gibt es heute noch eine Zensur?

Dario Fo: Es gibt eine Maschine, eine Hindernismaschine, die manchmal in Gang gesetzt wird. Da wird dir gesagt: "Nein, hierher kommen Sie nicht.", oder: "Es tut uns leid, aber leider ist alles verplant". Also fragen wir nicht mehr nach, weil wir schon wissen, warum ...
Manchmal passiert es uns, aus seltsamen Gründen, wie letzthin, dass wir in Bergamo spielen, in Vicenza, weil hier sonderbare Konstellationen eingetreten sind, deren Ausführung zu kompliziert wäre.

 

Das Ensemble: vorn: Sebastian Lieb,  Franziska Kimmle, Isabella Schwarz, Akin Kapucu, Andrea Oster,  Fabian Loriais hinten: Lara Abele, Jorit Hopp, Sarah Bissinger, Sascha Daniel, Berthold Blaes, Kristina, Eckern
 

Terz: Ist das Theater für Sie ein Instrument der Rebellion?

Dario Fo: Sicher, über die Provokation, über das Paradoxe, Absurde.
Mir geht es darum, die Bürger über die Dinge zu informieren und, wenn es mir gelingt, wie immer die Macht und ihre Fallen, ihre Falschheit, "über die Geschichten", aufzudecken.

Terz: So wie die Komödien aus den 60er Jahren eine Agitation gegen die bestehenden Verhältnisse waren?

Dario Fo: Ja, es reicht ja an: "Siebtes Gebot: Stiehl ein bisschen weniger" zu denken. Das war eine Vorwegnahme der Ereignisse, die zwanzig Jahre später aufgedeckt wurden.
Zuerst schien es paradox und dann hat sich gezeigt, dass es Tatsachen waren. So, wie die Diskussionen über die Organisation der Repression, die maßlose Ausbeutung.
Und heute: das Problem der totalen Luftvergiftung. Das Problem der verpesteten Städte, eingenebelt von Autoabgasen. Der Zynismus der Macht angesichts der Gesundheit der Bürger. Das ist von grosser Aktualität im Moment. Das ist ein Diskurs, den wir seit Jahren führen.

Terz: Und Sie möchten die BürgerInnen informieren, so dass diese...

Dario Fo: ... zum Lachen gebracht werden. Und zwar über das Paradoxe, über die Groteske, die Satire - so, dass sie sich klar werden, dass sie über die eigene elende Lage lachen.
In "Zufälliger Tod eines Anarchisten" lachen die Leute, aber dann merken sie, dass die Macht getötet hat und fortfährt, Unschuldige zu töten. Und nicht nur das: Dann bringt sie Unschuldige ins Gefängnis, indem sie sagt, dass sie es waren, die kriminelle Handlungen begangen haben. Legen Bomben und kassieren dann die Anarchisten ein. Die Faschisten sind am Werk, und später sagen sie, dass es die Linke war.

Terz: Und gegen die aktuelle politische Situation kann man etwas tun?

Dario Fo: Aber sicher, es läßt sich beobachten, dass da ein Bewusstseinswandel stattgefunden hat.
Ein Beispiel aus der Gegenwart, aus dieser Zeit: Man ist sich der Tatsache bewusst, dass die Qualität der Luft auf ein Minimum reduziert ist. Das macht sich bemerkbar am Pseudokrupp der Kinder, an bestimmten Lungenkrankheiten und so weiter und so fort. Man weiss, dass dank der Autoabgase und der Erwärmung jedes Jahr Millionen von Menschen sterben, krank werden ...

Gut - und was macht er Staat? Er nimmt Steuern für das Öl, das Benzin, das er verkauft. Das ist doch idiotisch, dass er daran interessiert ist, immer mehr Öl zu verkaufen. So sind der Staat und die Regierung mitverantwortlich für die Verbrechen, die passieren. Das heisst, sie ihrerseits sind Kriminelle.
Aber dieses Geschehen lässt sich so nicht erzählen. Du musst es auf komische Art erzählen, auf groteske, paradoxe Weise. Du musst eine Handlung, einen Modus finden, diese Tragödie zu darzustellen.

Terz: In 40 Jahren Theater, was ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Dario Fo: Was mir im Gedächtnis geblieben ist? - Vieles. Das besondere Ereignis, der Knaller? Dass die Sachen, die wir erfunden haben, wobei wir uns oft fragten "Gehe ich vielleicht mit der Anklage der Macht über das Maß hinaus?", immer von der Wirklichkeit übertroffen wurden. Jedesmal hat die Realität gezeigt, dass diese Befürchtungen umsonst waren: Die Wirklichkeit war viel extremer, viel schlimmer, als wir es uns in den übertriebensten Farcen ausmalen konnten.


Aus: TERZ - Autonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung.
(September 2000).Dank an Terz für die Erlaubnis Archiv Sterneck.net aufzunehmen.

Dario Fo, Franca Rame, Jacobo Fo: Gebt dem Frieden eine Chance (Zum 11.09.2001).
Archivio Dario Fo e Franca Rame

 

Dario Fo,  Siebtens:
Stiehl ein bisschen weniger

Enea (bitter):
Ihr habt mir die Augen geöffnet. (Sie nimmt die Perrücke und wirft sie zu einem der Irren. Sie zieht die Sandalen aus und die Stiefel an.)

Minister:
Was tun sie da? Wozu ziehn Sie das alte Zeug an?

Enea:
Ich gehe, wohin ich herkam. Ich will nicht die Mühle, auch keine rosarote Brille auf. Ich seh die Welt nicht rosarot.

Minister:
Sie wollen uns verlassen?

Enea (schaut traurig den Geschäftsmann an, streichelt ihn leicht):
Ja, ich gehe.

Minister:
Aber wir sehen uns doch wieder, eines Tages?

Enea:
An dem Tag, wo ich sie unter die Erde bringe. Und ich hoffe, der Tag kommt bald. (Sie geht hinaus.)

Bert Brecht
Maßnahmen gegen die Gewalt

Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen - die Gewalt.
"Was sagtest du?" fragte ihn die Gewalt. "Ich sprach mich für die Gewalt aus", antwortete Herr Keuner.

Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat.
Herr Keuner antwortete: "Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt."

Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte: In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem Stand, daß ihm gehören soll jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte, ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.
Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: "Wirst du mir dienen?"
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen.
Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent.
Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: "Nein."

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