Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
- Die Presse -

Die Rheinpfalz, 06. März 2002

”Anstandsknappheit” auch heute noch aktuelles Thema

Bad Bergzabern: Theater-AG überzeugt mit fesselnder Darstellung von Brechts Arturo Ui

 von  Fritz Limbacher

Gespannte Erwartung beim Premie- renpublikum, leise stimulierendes Lampenfieber bei Darstellern und Verantwortlichen schwangen durch die vollbesetzte Aula der Koopera- tiven Gesamtschule Bad Bergzabern, wo die Theater-AG zur Premiere von Bert Brechts Schauspiel “Der auf- haltsame Aufstieg des Arturo Ui” eingeladen hatte. Die seit vielen Jahren für ihre Qualität bekannte Arbeitsgemeinschaft Theater hatte sich bei diesem inhaltlich nicht einfachen, weil essentiell äußerst anspruchsvollen und komplexen Spiel in 16 Bildern ein doch immen- ses Pensum vorgenommen und dies mit Bravour gemeistert.

Das ganze AG-Team mit Berthold Blaes als Gesamtleiter hat mit diesem frühen Stück Brechts - einer Zustandsbeschreibung der gesellschaftlichen Strukturen der 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, das auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat, denkt man zum Beispiel an die gesellschaftlichen Verwerfungen wie Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Rezession, auf dem Hintergrund sogenannter Globalisierung - auch ein Ausrufezeichen gesetzt. Denn geht es nicht auch heute verstärkt nach dem Motto: “Wer nicht für mich ist, ist gegen mich”?

Brechts Zustandsbe- schreibung der Gesell- schaft immer noch aktuell

Klingt dies nicht auch in Silvio Ber- lusconis Gedanken an, wenn er sagt: “Ich muss jetzt in die Politik gehen, weil ich keinen Paten mehr habe. Ich muss jetzt mein eigener Pate sein!”

Brechts Arturo Ui sagt da sehr zeitnah: “Was ich verlange, ist ein freudiges ‘Ja’... die Folgen wird jeder sich selbst zuzuschreiben haben. Jetzt könnt ihr wählen!”

Man kann sich vorstellen, dass - wie Blaes berichtet - auch innerhalb der AG-Gruppe viel argumentiert und diskutiert wurde, bis das Konzept zur Inszenierung und Verwirk- lichung gefunden war.

Vor einem eindrucksvollen Bühnen- bild in Grau- und Schwarztönen, die Düsternis, Dumpfheit und Bedro- hung signalisieren und das durch eine blutrot aufsteigende, an den Verlauf eines Börsenkurses erin- nernde Zickzacklinie verstärkt wird, entwickelt sich das Drama. Angekündigt und charakterisiert werden die verschiedenen Szenen durch jeweils entsprechende Musik- einspielung: dunkle, bedrohliche Pauken- oder Schlagzeugklänge, ein verfremdetes Hallelujah mit ver- wischtem Fanfarenton oder hekti- sche Technophrasen vom Synthesizer mit Feueralarm oder Sirene - ein geradezu genialer Inszenierungseinfall zu den einzel- nen Bildsequenzen auf der Bühne.

Gangsterboss an der Spitze der Macht in der Stadt

Zum Inhalt des Stückes: Ein bekannter und gefürchteter Gangster mit dem Namen Arturo Ui terrorisiert mit Hilfe seiner Bande von Schlägern und Killern Chicagos Gemüsehändler, korrumpiert mit Zynismus bis dato untadelige Kommunalpolitiker, erpresst sie, erschleicht sich oder erzwingt das Vertrauen der Geschäftswelt und zwingt sie mit Mord, Totschlag und Terror in seinen Gehorsam.

So baut er aus einem feinmaschigen mafiösem Geflecht aus Scheinheiligkeit, Lüge und Brutalität ein sich immer mehr ausweitendes verbrecherisches Imperium auf: Schutz, Ruhe, Sicherheit und Frieden kosten Opfer! postuliert Ui. Kein Wunder, dass Brecht in der Exposition zum Drama äußert:
“Es herrscht Anstandsknappheit - Moral, wo bist du in der Zeit der Krise?”

Dieser Aphorismus kann gleicher- maßen als Programm und Katalysator im Ablauf des Geschehens gewertet werden.

Beeindruckende Leistung junger Schauspieler

Dieses schwierige Theater-Unterfangen so erfolgreich zu bewältigen - trotz Kursarbeiten in der Schule, trotz vor- gezogenen Abiturs, trotz Neueingliede- rung etlicher AG-Mitglieder aus den Klassen acht bis dreizehn - verdient in der Tat höchstes Lob und Anerken- nung. Und so sah es auch ein begeis- tertes Publikum, das am Ende der Vorstellung mit rauschendem Beifall nicht sparte.

Aus einer begeisternden wie auch homogenen Ensemble-Leistung, die sowohl in sprachlicher Hinsicht als auch durch hohe Ausdrucksfähig- keit in Bezug auf Gestik und Mimik vollends überzeugte, sollen  die Protagonisten des Stückes doch hervorgehoben sein. Da sind die Hauptfiguren Arturo Ui, der Gangsterboss, gespielt von Felix Lampert, sein Leutnant Ernesto Roma, dargestellt von Nicholas J. Wood, und Wanja Brünger in der Rolle des Dogsborough. Sie alle überzeugten in ihren Rollen, zu denen auch Doppel- rollen oder Mehrfachrollen gehörten, wurden ihren Figuren gerecht und bewiesen erstaunliche Wandlungs- fähigkeit.

So war auch der Tenor dieses Theater- abends ein großes Kompliment an die Theater-AG der Kooperativen Gesamt- schule Bad Bergzabern und ein herz- liches Dankeschön für ein bemerkens- wertes Theatererlebnis.

SÜDPFALZKURIER, 06.März 2002

Ein schwieriges Stück gut rübergebracht

Die Theater-AG des Gymnasiums Bad Bergzabern spielt Bert Brechts
'Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui' 

 von  Eva Uhrig

Eigentlich ist schon der Titel zu lang und zu sperrig; 16 Bilder (keine Szenen!), der historische Bezug zu Hitler, der Weltwirtschaftskrise - all das klingt nicht unbedingt nach prickelnder Samstagabend-
unterhaltung.
Es wäre jedoch ein Fehler, deswegen vor einem Besuch dieser Aufführung zurüchzuschrecken.

 Gewiss das 1941 im finnischen Exil entstandene Stück Brechts mit dem er versuchte, den Amerikanern den Aufstieg Hitlers zu verdeutlichen, indem er die Handlung ins Chicago der Weltwirtschaftskrise verlegte und Elemente der Biographie Hitlers mit der Al Capones verband, ist kein leichtes Stück. Aber in ihrer diesjährigen Produktion gelingt es der Theater-AG des Gymnasiums Bad Bergzabern unter der Leitung von B. Blaes die Aktualität der Vorlage deutlich zu machen, denn das Geschäft mit der Angst gedeiht, - nicht nur bei 'Karfiolhändlern'.

Im Mittelpunkt steht der Aufstieg des Verbrechers Arturo Ui, der eine Krise des Handels ausnutzend, die Händler durch seine Schlägertrupps gefügig macht, um so Schutzgelder erpressen zu können. Gewalt, Manipulation und Verrat durch- ziehen wie ein roter Faden das Stück, ein Gemisch, dem sich kaum eine der Personen zu entziehen vermag, zumindest keine der Überlebenden.

Nach der Vorbereitung in den ersten drei Bilder gewinnt die Handlung an Tempo, so dass der 'Aufstieg' zeitweise 'unaufhaltsam' erscheint. Dass dies nicht sein müsste, zeigt sich jedoch immer wieder, z.B. an der Figur des Dogsborough. Wie Wanja Brünger ihn eben nicht nur als korrupten 'alten Händeschüttler' zeigt, sondern ihn auch als Mann

zeichnet, den die Angst seinen guten Ruf zu verlieren zum Wegbereiter des Verbrechers Ui werden lässt und der dies auch erkennt, gehört zu den bewegenden Momenten der Aufführung. Verschiedene Facetten zeigt auch die Figur des 'Arturo Ui'. Felix Lampert gelingt es ausgezeich- net, verschiedene Seiten des Ganster- bosses aufzuzeigen. Mal bitterlich weinend (!), mal seine Unmgebung allein durch Blicke beherrschend, in einem Moment der gute Freund, der schon im nächsten seinen Helfershelfern das Messer an die Kehle drückt - auch das führt dazu,
dass es nie langweilig wird.

Ein Höhepunkt ist sicher die Szene, in der Ui Unterricht bei einem abgehalfterten Schauspieler (hervor- ragend: Nicholaus J. Wood) nimmt. Die Belustigung über die naive Freude des Verbrechers, nun richtig (!) gehen, stehen und sitzen zu können, legt sich schnell, wenn man sieht, wie Ui all dies einsetzt, um zu täuschen und seine Ziele durchzusetzen, auch gegen alte 'Freunde'.

Auf die anderen guten Leistungen des Ensembles (Tobias Braun,   Juliane Buchenberger, Julia Köller, Katharina Massow, Antony Pattathu, Tina Pede, Nikolaus Roos, Carina Thamerus und Lisa Vogel) kann hier nur hingewiesen werden, überzeugen sollten SieSich selbst, ebenso wie von der Stimmig- keit von Musik, Technik und Bühnenbild.

Ein gelungener Theaterabend und ein Zeichen dafür, dass es an der Schule durchaus Lehrer und Schüler (auch ehemalige) gibt, die bereit sind, sich zu engagieren.

Die letzte Aufführung findet
am 16. März um 20.00 Uhr
in der Aula statt.

Brecht / Ui

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