Aristophanes: Die Vögel
- Dramaturgie/Literaturgeschichtlicher Hintergrund -

Sieben Jahre liegen zwischen dem Frieden und den Vögeln, die 414 aufgeführt werden; aus der dazwischenliegenden Zeit sind uns voll Aristophanes keine Stücke erhalten. In dieser Zeit freilich haben sich die politischen Verhältnisse grundlegend geändert. Der Nikias-Frieden (421) wurde bald nur noch zu einem mühsam gehaltenen, 418 zum ersten Mal durchbrochenen, feindseligen Waffenstillstand. Zu dem größten Feldzug, der damals unternommen wurde, überredete Alkibiades, der hochbegabte, aber ideal- und zügellose Feldherr, die Athener: 415 verließ eine riesige Flotte Athen in Richtung Sizilien.

Dass Alkibiades aus purem Machtreben seine rhetorischen Fähigkeiten einsetzte, scheint eine Bemerkung zu beweisen, die der Geschichtsschreiber Thukydides (460 bis 400; seinen Aufzeichnungen verdanken wir viele der Kenntnisse über den peloponnesischen Krieg) notiert: das Reich, argumentiere Alkibiades, müsse wachsen, oder aber sein Zerfall würde einsetzen; ein kleiner Krieg hie und da sei notwendig, um eine imperiale Rasse…. Mit anderen Worten: Aufrüstung, Kriegshetze. Ob Aristophanes das bemerkt hat, ist ungewiss (aber wahrscheinlich): einem Intellektuellen wie ihm, der sich stets nach dem Frieden sehnte, mag diese neue Strömung auf den Krieg zu wohl kaum entgangen sein; aber er schrieb in den Vögeln keine Alkibiades -Komödie, enthielt sich bis auf Anspielungen der Verweise und Parallelen zur Politik.

ln die Führung der nach Sizilien entsandten Flotte teilten sich Nikias,der Pazifist, dessen Friedensbestrebungen endgültig gescheitert waren, und Alkibiades, der Militarist. Was für ein Patriot er war, zeigte sich, als das Einverständnis der Athener mit seinem ungezügelten, anscheinend „genial" leichtsinnigen Leben unvermittelt in Hass umschlug (was, sind nur die entsprechenden Demagogen zur Hand, zuweilen schnell geht): als nämlich der Hermesfrevel in der Nacht vor der Abfahrt der Flotte (den Hermes-Statuen wurden Nasen abgeschlagen, Ohren und Phalloi), als später der Frevel an den eleusinischen Mysterien dem Alkibiades und seinen Freunden zur Last gelegt wurde, und man ihn - auf der Salaminia - zum Prozess nach Athen zurückbeorderte; er floh nämlich, schlug sich auf die Seite Spartas und machte dort der Königin gleich ein Kind. Damit war der Motor des sizilianischen Feldzuges ausgefallen, einzelne Teilerfolge verhinderten nicht die Skepsis am gesamten Erfolg. In dieser Atmosphäre  hochgespannter Erwartung auf den "Endsieg" und gleichzeitig aufflackernder Nervosität, des Zweifels am Ausgang, werden “Die Vögel” des Aristophanes geschrieben und aufgeführt. Wenig später, noch 414, endet der sizilianische Ausflug mit der totalen Katastrophe. Athens Heer wird vernichtend geschlagen, Nikias hingerichtet, die Soldaten werden zur Zwangsarbeit in sizilianische Steinbrüche geschickt - Folgen eines Krieges, wie sie uns auch heute nicht unbekannt sind…

Diese Einbettung der Vögel in die Historie erscheint notwendig, nicht wegen der Anspielungen auf den Feldzug (etwa auf Alkibiades'"Rückkehr" auf der Salaminia), Anspielungen, die an Direktheit, an Fülle und an satirischer Schärfe ohnehin eingebüßt haben, sondern weil dieses Stück einen Reflex darstellt auf die Situation Athens: die Abkehr von Zuständen, die der Intellekt nicht mehr akzeptieren kann. Dem Dichter bleibt nur die Flucht in die Utopie; er baut sich in der Komödie ein Wolkenkuckucksheim, einen idealen Staat, in dem Frieden herrscht und in dem jeder nach seiner Façon selig werden kann. Der Vogelstaat, den Aristophanes vor den Zuschauern erbaute, ist kein Vexierbild Athens mehr, sondern eine Geburt der Phantasie, überquellend von lyrischer Schönheit, die nur gelegentlich die Resignation spüren lässt, die den Dichter angesichts der Situation Athens befallen haben mag. Allein in dieser Auslegung werden die Vögel zu einem überragenden Stück, Aristophanes'bestem vielleicht.

Peisthetairos und Euelpides - Goethe hat die beiden Namen mit Treufreund und Hoffegut übertragen - verlassen die friedlose Erde und gründen im Reich der Vögel einen Vogelstaat: Wolkenkuckucksheim. Der Bau dieses Staates, seine Etablierung zwischen Menschen und Göttern wird beschrieben. Das Ende bildet die Hochzeit zwischen Pisthetairos und Basileia, der Allegorie der Herrschaft.

Exponiert wird mit dem Dialog von Pisthetairos und Euelpides, die, als Emigranten kenntlich gemacht, auf der Suche nach einer neuen Heimat sind. Man hat sie in Athen zwar nicht zur Emigration gezwungen, ihr Leben war nicht bedroht…, aber die Zustände in Athen haben sie abgestoßen: die Prozessierlust vor allem, jene Leidenschaft, die Aristophanes schon in den Wespen karikierte und die jetzt, nach dem Mysterienfrevel, eine Flut von neuen Prozessen auslöst. Diese Abneigung, in nicht mehr als vier Zeilen formuliert, genügt, um die beiden zur Emigration zu veranlassen und damit die Komödie anzustoßen. Dass auch und vor allem der sizilianische Feldzug, der sich ankündigende Untergang.

Athens, die Stadt dem Dichter und seinen beiden Protagonisten verleidete, wird direkt nicht angesprochen; von solchen leitartikelhaften Kommentaren hat Aristophanes die Komödie gereinigt. Pisthetairos und Euelpides treffen, nachdem sie einige Zeit ziellos umirrten, auf einen Wiedehopf, der den Namen Tereus führt.  Aristophanes spielt damit auf eine auch von Sophokles (in einem verlorengegangenen Stück) aufgegriffene Sage an: die des Schwiegersohns des attischren Königs Pandion, der die Schwester seiner Frau schändete und in einen Wiedehopf verwandelt wurde. Tereus kennt sich also auf der Erde und in der Luft gleichermaßen gut aus. Aber er kann den beiden nicht weiterhelfen: die Stadt der Kranaer ist ihnen nicht dienlich genug, in einer Stadt am Roten Meer könnte die Salaminia auftauchen, das Alkibiadesschiff, um sie vielleicht sogar zum Krieg zu holen, Lepreos in Elis ist ein Krätznest, Lokris gefällt ihnen auch nicht - die Erde missfällt ihnen überhaupt, kein Wunder, ganz Hellas steht ja im Krieg. So kommt Pisthetairos, nachdem er sich nach dem Leben bei den Vögeln erkundigt und nur Bestes erfahren hat, auf den Gedanken, einen Vogelstaat zu errichten:

Wo stattlich ausgestattet, was ihr wollt,Ihr euch gestattet -
sieh, das ist ein Staat!
Und baut ihr Häuser da und Mauern drum,
dann habt ihr in dem Staat auch eine Stadt!

Irin Staat also soll eingerichtet werden, in dem es sich unbeschwert von irdischen Sorgen leben lässt; ein idealer Staat, wie auf der Erde keiner zu finden ist, am wenigsten in Hellas. Freilich zeigt sich bald, dass auch dieser Staat nach machtpolitischen Gesichtspunkten organisiert werden muss; eine Mauer zum Beispiel muss gebaut werden, Nun ist Mauerbau ja a priori nicht  etwas Schlechtes: für die Athener eher etwas Gurtes, weil die Mauer sie gegen Feinde abschirmen, ihnen Sicherheit verschafft. Passierscheine sind übrigens auch nötig, um passieren zu können, das zeigt sich später. Aber die Mauer ist nur ein Ingrediens, ein Zubehör zum idealen Staat, wie Aristophanes sich ihn vorstellt. Von panhellenistischem Frieden wird er zwar viel gehalten, mag aber wenig auf ihn vertraut haben.

Der Wiedehopf ist begeistert, ruft die anderen Vögel herbei. Das geschieht in einer lyrischen Passage, in einem Locklied zur Flöte, in Kurzversen, in denen die Vögel hymnisch (wie später ebenso ihr Staat vom Chor) beschrieben werden. Die Kurzverse gehen schließlich in Lautmalerei über, zunächst noch in ein

Kommet, kommet, kommet,
kommet!, dann in ein Toro toro toro torotix! Kihkabau! Kihhabau!
Toro toro toro torolililix!

Dazu Flöte, dann der bunte Auftritt des Vogelchores - Aristophanes kleidet seine Utopie vom idealen Staat phantastisch ein. Ein Zerhacken der Syntax, um sie Vogellauten anzunähern, kehrt später mehrfach wieder, sogar beim Chor, wenn er etwa fragt:

We-we-we-we-we-we-welche Freundesbotscbaft bringst du uns?

Der Vogelchor will sich zunächst auf die Eindringlinge stürzen, ist dann aber bereit, zumindest deren Argumente anzuhören. Es gibt in den Vögeln kein Streitgespräch, keinen Agon mehr: er wird ersetzt von einem Dialog, in dem Pisthetairos und Euelpides ein Loblied der Vögel und des kommenden Staates anstimmen.

Aristophanes greift dabei - und auch später - auf die Tierfabeln Aisops zurück, wenn er die guten Eigenschaften des gefiederten Volkes hervorkehren will. Pisthetairos argumentiert, dass die Spatzen das Korn wegschnappen, andere Vögel versunkene Schätze entdecken oder die Zukunft von der Höhe herab vorausschauen könnten, falls Menschen oder Götter ihnen nicht die genügende Autorität erweisen sollten. Außerdem liegt der geplante Staat günstig: er schnappt den Göttern den Geruch der Opferbraten weg. Die Vögel sind begeistert, den beiden von der Erde lässt man flugs Flügel wachsen, und in der von Flöten eingeleiteten Parabase greift der Vogelchor - ein Chor der Vögel und nicht mehr einer von Schauspielern, die dem Publikum des Dichters Anliegen vortragen - die Vorteile des Vogelstaates auf und malt sie lyrisch aus.

Zur Einweihung des schnell erbauten Staates bereitet Pisthecairos ein Opferfest vor. Geopfert wird nicht mehr den Göttern; man ist pantheistisch geworden, schafft sich eigene Götter und lässt im übrigen anbeten, wen man will. Aristophanes geht auch hier respektlos mit Göttern um; die Götterbotin Iris, die sich ohne Passierschein ein schmuggelte, lässt er hinauswerfen, Herakles, zusammen mit Poseidon als Gesandte geschickt, lässt sich durch Bratenduft zum Frieden stimmen, Charakterlosigkeit nennt man das.

Wichtiger als Götter zu decouvrieren, ist Aristophanes freilich die Etablierung des neuen Staates.Im Inneren ist alles in Ordnung, aber der Staat findet schnell Neider, die teilhaben wollen am Glück und am ewigen Frieden, und sei es nur deswegen, weil man hier endlich seinen Vater verprügeln darf, was in Athen streng geahndet wird. Pisthetairos ist nicht von vorn herein gegen alle Schmarotzer ablehnend: einen Künstler beschenkt er, aber als dessen Forderungen immer höher werden, prügelt er ihn wie auch einige andere Besucher von der Erde - zum Saat hinaus. Ansonsten wird von der Erde Gurtes berichtet: man äffe jetzt allenthalben die Vögel nach:

Der weltberühmten Luftstadt hoher Gründer!
So weißt du nicht, wie dir die Menschen huld'gen,
Wieviel Verehrer du im Lande hast?
Eh‘ du die neue Stadt gebaut, war alles
Lakonomane, ging mit langem Haar,
War schmutzig, hungerte, trug Knotenstöcke,
Sokratisierte : jetzt dagegen gibt's
Ornithomanen nur, und alles äfft
mit wahrer Herzenslust die Vögel nach . . .

Bleibt also nur, vor dem endgültigen Glück die Götter herumzukriegen. Prometheus kündigt an, daß Verwirrung in der Götterwelt herrsche; die Gesandten aus der Götterwelt lassen sich leicht zum Frieden überreden, und so kann sich die Hochzeit des Pisthetairos mit der Allegorie der Herrschaft, Basileia, zum Schlusspunkt einer Staatsgründung und zum Anfang einer neuen, schönen Zeit auf schönen Versen emporschwingen.

Pisthetairos hat das utopische Werk vollbracht. Er wird gefeiert, ihm gehören die Sympathien. Ist er ein Held? Dazu fehlt es zunächst an psychologischer Dichte. Aber für die Athener mögen Helden ohnehin die Krieger gewesen sein, die in der Schlacht Geschick und Mut beweisen. Pisthetairos, und mit ihm Aristophanes, setzt sich ab von dieser Welt der Kriege. Er entwirft ein Modell, das, ist es erst einmal realisiert, keiner Helden mehr bedarf. Vernunft ist die neue Maxime - und nach dieser Maxime sind Helden unvernünftig, sinnlos. Helden sind nicht einmal mehr tauglich, um der Komödie, der Satire, als Gegenstand der Belustigung zu dienen.

Um zu dieser Einsicht zu gelangen, muss Aristophanes - der früher mit seinem Spott nicht sparte - ein gehöriges Maß Resignation überkommen sein. Aber das eröffnet ihm zum ersten Mal (in den erhaltenen Stücken) ein Theater, das nicht mehr - in satirischer Verzerrung - abbildet, sondern ein in sich eigengesetzliches Modell liefert, das Modell eines Staates, wie er den Athenern wohl auf immer verschlossen bleiben wird.

Klaus Eder in: Dramatiker des Welttheaters

Aristophanes / Die Vögel

Die Rollen

Pethetairos & Euelpides

Wiedehopf

Vogelbestien

Plan zur Macht

Schmarotzer

Das Finale

Der Inhalt

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